Wind & Wellen: Radfahren auf der Halbinsel Eiderstedt
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Wind & Wellen: Radfahren auf der Halbinsel Eiderstedt

Vorbei an Salzwiesen, Seehundbänken und Strandkörben: auf dem Nordseeküstenradweg über die Halbinsel Eiderstedt.

Ausgabe: daheim Autor: David Krenz
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Der Radler ist an Windrädern vorbei und über Deiche gestrampelt, hat den salzigen Gegenwind geschmeckt und in voller Fahrt Möwen aufgescheucht – da tauchen hinter den wiegenden Halmen der Dünengräser Dutzende bunte Schirme auf, die über dem Meer durch die Lüfte tanzen. Die Drachen der Kitesurfer gehören zu St. Peter-Ordings Sommerhimmel wie die Sterne in der Nacht. Der Ort offenbart einen der schönsten Strände der Nordseeküste, also hinein in die weiße Pracht. Feiner Sand, der die Fußsohlen kitzelt und zwischen den Zehen zerrinnt – so fühlt sich Sommer an. Nach einem Bad in den Wellen ist es Zeit, wieder aufs Rad zu steigen. Die Küste hält noch viele Entdeckungen bereit.

Wo die Wunder des Wattenmeers warten

Wer den Nordseeküstenradweg bereist, lernt jene Menschen verstehen, die in den Ferien lieber durch den Norden radeln, als in den Süden zu fliegen. Mit sagenhaften 6000 Kilometern, von den schottischen Shetlandinseln bis zu Norwegens Fjorden, gilt er als längste Radroute der Erde. Er passiert auch den rauen Rand Deutschlands, wo die Wunder des Wattenmeers warten, das schwimmende Moor des Jadebusens, der Mündungstrichter der Elbe, die Nord- und Ostfriesischen Inseln. Der deutsche Part des Fernradpfads ist 900 Kilometer lang. Wem dazu Zeit und Puste fehlen, dem sei jener Streckenteil unweit der dänischen Grenze empfohlen, wo Schleswig-Holstein dem Meer die Zunge zeigt. Eiderstedt heißt die grüne Halbinsel. Wie mit der Checkliste erschaffen, bietet sie eine nahezu vollständige Sammlung unverzichtbarer Nordseeerlebnisse: Sonnenbäder, Salz- wiesen und Seehundbänke, friesische Teestündchen und Wattwatereien. Auch eines der berühmtesten Nordlichter hat auf der Insel seinen Platz, der Leuchtturm von Westerheversand.

Zugegeben, die kolossalen Containerschiffe, die in große Nordseehäfen wie Bremerhaven und Hamburg einlaufen, sieht man in Eiderstedt nur in der Ferne beim Blick über das glitzernde Meer. Das hiesige Hafentreiben läuft beschaulich ab. Im Becken des historischen Hafens von Tönning schaukeln Krabbenkutter, Möwen hocken auf den nackten Masten. Kinder lassen ihre Füße von der Kaimauer baumeln, in ihrem Rücken das imposante Packhaus von 1783, das längst kein Frachtgut mehr speichert. Nebenan in der „Alten Fischereigesellschaft“ geht es weiter geschäftig zu. Wie Trophäen tragen Kunden stolz ihren eingetüteten Fisch aus dem Laden, drinnen ordert ein Herr, in bestem Platt, „twee Lachslocken“, eine Kundin staunt über die Auswahl frischer Fischsalate, die Namen wie „Husumer Küstenschmaus“, „Friesentopf“ oder „Sylter Inselfeuer“ tragen.

Hier gibt's immer was zu sehen

Tönning, Eiderstedts Südpforte, liegt an der Mündung des Eiderflusses, der die Halbinsel vom Festland spaltet. Vor 1000 Jahren wurde hier Sand zur Siedlung aufgehäuft, heute locken Sehenswürdigkeiten wie das Eidersperrwerk – ein Betonwall gegen Sturmfluten – und das Multimar Wattforum, das der unermesslichen Natur des Wattenmeers huldigt. Besucher werfen die Wellenmaschine an und drücken sich ihre Nasen an der Panoramascheibe des Aquariums platt. „Der müsste sich mal die Zähne putzen“, sagt ein Junge, der tief in den Schlund des 17 Meter langen Pottwalskeletts blickt. Vom Radweg aus wirkt das Watt wie eine tote Schlickwüste, doch in jedem Sandhäufchen, in jeder Pfütze tummelt sich Leben. Ein reich gedeckter Tisch für Hunderttausende Vögel, die hier in den Frühjahrs- und Herbstmonaten brüten und sich für die Weiterreise fett fressen.

Im Sommer sind die Rufe der Pfeifente und das Trillern der Küstenseeschwalbe verklungen, aber auf den Sandbänken sammeln sich Seehunde, um ihren Nachwuchs zu gebären. Mit dem Fernglas, von einem der Ausflugsschiffe aus, kann man ihnen tief in die schwarzen Knopfaugen blicken. An Land, zwischen Watt und Weiden, ist Violett die Farbe der Sommersaison: Der Strandflieder steht in voller, betörender Blüte. Er wächst auf den naturgeschützten Salzwiesen, landgewordenes Watt, wo nur jene Pflanzen siedeln, die gesalzene Böden vertragen.

Am Westzipfel Eiderstedts angekommen, in St. Peter-Ording, lässt sich mit Glück einer der Strandkörbe ergattern. Andere suchen den Schatten unter den Sonnenschirmen auf den Terrassen der Restaurants, die auf haushohen Holzpfählen stehen. Die Nordsee, die den Sonnenbadenden zu Füßen liegt, wächst zweimal täglich über sich hinaus, bis zu drei Meter steigt ihr Spiegel bei Flut.

Ein nordfriesisches Idyll hinter dem Deich

Sobald sich das Meer verzieht, bietet sich die Chance, durchs Watt zu stapfen. Da finden sich Kringelhäufchen der Wattwürmer und Bruchstücke unzähliger Herzmuscheln, wie der Scherbenteppich eines rauschenden Polterabends. Watvögel haben Federn gelassen, die Strömung zeichnet feine Rippel in den Sand. Wer aufblickt, sieht hinter einem flimmernden Schleier eine rot-weiß geringelte Silhouette aus den Dünen Westerhevers ragen. Der legendäre Leuchtturm, 40 Meter hoch und von zwei Wärterhäuschen flankiert. Der letzte Leuchtturmwärter ist längst ausgezogen, ein Computer übernahm den Job. Nun dürfen Touristen die 157 Stufen hinaufsteigen. Vom Balkon des Lampenhauses schweift der Blick über die lange Sandbank vor der Küste, im Norden tauchen die Ufer der kleinen Marschinseln mitten im Meer auf, der Halligen.

Trotz der faszinierenden Seeschauspiele lohnt es sich, auch ins Innere der Halbinsel vorzudringen. Hinter dem Deich wartet ein nordfriesisches Idyll. Geklinkerte Dorfstraßen, gesäumt von gemütlichen Häuschen mit niedrigen Fenstern und Gardinenspitze. Wie weite Teile der Nordseeküste ist auch Eiderstedt dünn besiedelt und bäuerlich geprägt. Viele der alten Berufe ernähren zwar heutige Generationen nicht mehr, leben aber als Hobby weiter. Kaum ein Hof, wo keine Hühner gackern, kein Trecker parkt, kein Fischernetz in der Sonne trocknet. In Garding etwa führt Uwe Michalski die Schafzucht des Vaters fort, sein Geld verdient er als Dachdecker – und zwar in einer norddeutschen Spezialdisziplin: Er bringt die landschaftstypischen Reetdächer in Schuss.

Für Landschaftspflege sorgen auch die vielen Schafe.

Obwohl es anders wirken mag, stehen sie nicht nutzlos auf dem Deich herum. Mit ihrem unbändigen Appetit halten sie die Grasnarbe kurz, das gemächliche Getrampel festigt den Deichboden, unerlässlich für den Küstenschutz. Radwanderer sollten sich daran erinnern, wenn mal wieder eine mümmelnde, blökende Herde den Weg versperrt. Vor der Zeit des Deichbaus errichteten die Küstenbewohner wichtige Gebäude auf aufgeschütteten Hügeln, den Warften. Die Backsteinkirchen ragen daher weithin sichtbar aus dem platten Land hervor. Genauso wie die turmhohen, spitzen Reetdächer der Haubarge. In den alten Eiderstedter Bauernhöfen wohnten nicht nur Mensch und Vieh, dort wurde auch der Erntesegen unter Dach und Fach gebracht. Vom „Heu bergen“ leitet sich der Name ab. Der Rote Haubarg, die wohl imposanteste dieser Pyramiden des Nordens, findet sich in Witzwort, kurz bevor der Radweg aufs Festland wechselt und über Husum und Niebüll nach Dänemark führt. Da Eiderstedt nun erobert ist, trifft es sich gut, dass der Rote Haubarg neben einem Museum auch ein Restaurant beherbergt. Krabbensüppchen, Goldbutt an zerlassener Butter, Friesentee mit feinem Blatt – was für die Halbinsel gilt, gilt auch für die Speisekarte des Haubargs: Auf kleiner Fläche versammelt sie viele große Nordseefreuden.


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