Blick auf die Stadt Florenz in der Toscana mit der Ponte Vecchio.
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Woher stammen die Etrusker?

Der Streit schwelt seit der Antike: Woher stammen die Etrusker? Geht es nach italienischen DNA-Forschern, kann man sich weitere Diskussionen sparen.

Autor: Reader's Digest Book
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Nüchtern gesehen waren die Etrusker ein antikes Volk, das seine Glanzzeit zwischen dem 8. und 5. Jahrhundert v. Chr. erlebte und zu dieser Zeit in Italien beheimatet war, in der Toskana, zwischen den Flüssen Arno im Norden und Tiber im Süden. Bis heute umgibt die Etrusker die Aura des Geheimnisvollen und Rätselhaften. Das liegt unter anderem daran, dass sie zwar über eine Schrift verfügten, diese jedoch nicht so vollständig entziffert werden konnte, dass sie über ihre Geschichte und ihre Kultur hinreichend Auskunft geben kann. Kein Zweifel aber kann daran bestehen, dass die Etrusker zu den frühesten und bedeutendsten Hochkulturen der mediterranen Welt gehörten. Und dies Jahrhunderte, bevor die Römer sich zur führenden Macht entwickelten.

Innovatives Volk

In einer Zeit, in der die meisten Völker Italiens noch in einem archaischen Dämmerzustand lebten, lebten die Etrusker in Städten. Sie verehrten ihre Götter in Tempeln, wussten wie man erfolgreich Handel trieb, und verstanden sich auf die Kunst der Metallverarbeitung. Politisch gab es keinen einheitlichen Staat der Etrusker. Die Herrschaftsgebiete waren in einzelne Stadtstaaten aufgeteilt. Regiert wurden die Stadtstaaten von Königen, denen ein in der Regel mächtiger Adel zur Seite stand. Vom Einfluss und Reichtum der etruskischen Oberschichten zeugen bis heute die imposanten Grabmonumente in den Nekropolen von Cerveteri (Foto Grabhügel unten: © iSstockfoto.com / MicheleAlfieri), Chiusi und Tarquinia. Im Verlauf des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr. dehnten sich die Etrusker nach Norden und Süden aus. Im Norden verdrängten sie die Kelten. Im Süden erstreckte sich ihr Einfluss bis nach Kampanien.

 

Gründung von Rom

Geschichte schrieben sie auch dadurch, dass sie die spätere Weltstadt Rom gründeten. Bevor die Etrusker kamen, war Rom ein kleines Dorf am Tiber mit strebsamen Hirten und Bauern. Unter der Regie der Etrsuker entwickelte sich Rom zu einer blühenden, fortschrittlichen Stadt mit Plätzen, Märkten, Läden, Tempeln und großzügigen Wohnanlagen. Die Etrusker prägten nachhaltig das politische, wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Leben und stellten dabei unter Beweis, dass sie auch technologisch auf der Höhe waren. Ein Meisterstück war die Trockenlegung der Überschwemmungsgebiete des Tiber und die Anlage der Cloaca Maxima, eines großen Abwasserkanals. Viele spätere Einrichtungen der Römer, wie etwa der Triumphzug oder die Orakel der Auguren, gingen auf die fremden Herrscher aus der Toskana zurück.

Die etruskische Herrschaft über Rom endete, wie die antiken Quellen berichten, 509 v. Chr. mit dem Sturz des letzten Königs Tarquinius Superbus. Die etruskischen Könige verabschiedeten sich aus Rom nicht revolutionär, sondern durch die allmähliche Entmachtung der Herrscher, wodurch die Monarchie in eine von Aristokraten regierte Republik umwandelt wurde. Die Etrusker bildeten zusammen mit den Eliten der Latiner und zugewanderten Familien und Sippen aus dem Umland die römische Oberschicht.

Wohlstand und Luxus

Die Etrusker verfügten nicht nur über viel politisches Potenzial, sondern auch über immense Reichtümer. Diese verdankten sie zum einen den natürlichen Ressourcen der antiken Toskana und zum anderen ihren weitgespannten Handelsaktivitäten. In Italien profitierten sie von den holzreichen Wäldern und von den Salinen am Tyrrhenischen Meer. In der Landwirtschaft sorgte die Einführung des Pfluges für rationale Arbeitsweisen und hohe Erträge. Besonders lukrativ waren die Metallvorkommen auf der Insel Elba. Von dort wurde das Eisenerz über See nach Populonia transportiert, verhüttet und entweder für den Eigenbedarf etwa an Waffen und für den Export verwendet. Grabfunde dokumentieren eindrucksvoll den Radius ihrer Handelsbeziehungen. Bernstein kam aus Nordeuropa, aus dem östlichen Mittelmeerraum landeten allerlei Luxusgegenstände aus Gold, Silber und Elfenbein in den Häusern der Reichen und Vornehmen.

Italien oder Anatolien?

Wie aber ist es zu erklären, dass die Etrusker den anderen Völkern in Italien in Sachen Kultur und Zivilisation so haushoch überlegen gewesen waren? Stammten sie womöglich gar nicht aus Italien? Schon in der Antike wurde die Frage der Herkunft der Etrusker kontrovers diskutiert. Manche hielten sie für Einwanderer aus Kleinasien, so der berühmte griechische Historiker Herodot, der im 5. Jahrhundert v. Chr. behauptete, ihre eigentliche Heimat sei die Landschaft Lydien im Westen der heutigen Türkei gewesen. Von dort seien sie nach Italien ausgewandert. Diese Theorie überzeugte viele. So konnte man sich erklären, warum sich die Etrusker in allen Bereichen so deutlich von den antiken Völkern Italiens unterschieden. Sie verfügten eben über das innovative Knowhow der Völker des Orients. Andere antike Experten wie der in der Zeit des Kaisers Augustus lebende Gelehrte Dionysios von Halikarnassos vertraten die Auffassung, die Etrusker seien Autochthone gewesen, hätten also schon immer in Italien gelebt. Die Sprache der Etrusker, so argumentierte er, sei überhaupt nicht mit dem Lydischen verwandt. Wiederum andere antike Autoren meinten, die Etrusker seien zwar eingewandert, aber nicht aus Anatolien, sondern aus der Ägäis. Eine moderne Bestätigung dieser Theorie schien der Fund einer Inschrift mit etruskischen Buchstaben auf der griechischen Insel Lemnos zu liefern.

 

Optimistische Genetiker

2007 wollten es Genetiker genau wissen. Wissenschaftler von der Universität Turin nahmen sich das Erbgut von Italienern aus Städten vor, die, wie Murlo und Volterra, einst zu den Hochburgen der Etrusker gehörten. Dieses verglichen sie mit der DNA von Menschen aus der Türkei und dem Mittleren Osten. Ergebnis: Die Proben zeigten eine enge Verwandtschaft. Damit war für sie bewiesen: Herodot hatte Recht.

Skeptische Historiker

Historiker haben jedoch ihre Zweifel. Sie halten die Annahme, die Etrusker seien von Anfang an eine geschlossene Einheit gewesen, für falsch. Vielmehr war ihre exzeptionelle Kultur das Ergebnis der Verbindung verschiedener ethnischer Gemeinschaften, die zum Teil aus dem östlichen Mittelmeerraum, zum Teil aus Italien selbst stammten. Aufgrund der partiellen Zugehörigkeit zu den fortschrittlichen Kulturkreisen der Welt des Vorderen Orients und Anatoliens waren die Etrusker allen anderen Völkern und Stämmen in Italien im Hinblick auf die zivilisatorischen Standards weit überlegen.

oben: Foto eines mit bunten Fresken überreich bemalten etruskischen Grabes in der Nekropole Banditacci bei Cerveteri in der heutigen Toskana (© Foto: iStockfoto.com / lauradibiase). Sie ist eine der beiden ältesten Grabstätten Italiens (die andere befindet sich in Tarquinia) und gehört seit 2004 zum UNESCO Weltkulturerbe.

 


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