Auf der Walz
© Gajus / Fotolia
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Auf der Walz

Kai Sargatzky ist gelernter Zimmermann und pflegt eine jahrhundertealte Tradition: Er ist drei Jahre auf der Walz. Begleiten Sie ihn ein Stück seines Wegs.

Ausgabe: April 2015 Autor: Lia Grainger

Es ist erst sieben Uhr n Lübeck, aber die Sonne brennt an diesem Morgen im Sommer 2014 vom Himmel, als Kai Sargatzky aufsteht. Er schlüpft in seine einzige Hose, eine handgenähte schwarze Cordhose mit Schlag. Dann kommt die Staude, ein kragenloses, weißes Hemd und darüber die eng anliegende Weste mit acht Perlmuttknöpfen.

An der silbernen Uhrkette baumeln kleine Medaillons, im linken Ohr trägt er einen einzelnen Goldring. Jetzt noch den Schlapphut mit breiter Krempe. Fertig! Vor dem Spiegel kontrolliert Sargatzky noch einmal sein Aussehen. Der Hut ist zwar erst wenige Monate alt, aber er biegt sich an den Rändern schon etwas nach unten!

Dann breitet der 21-Jährige seine Habseligkeiten aus: fünf Hemden, fünf Paar Socken und Unterwäsche, Säge, Vorschlaghammer, Zollstock, Winkeldreieck, ein kleines grünes Buch mit Anweisungen und Regeln sowie ein Tagebuch. Dieses enthält einen Schatz – Fotos von Sargatzkys Freundin, die in seiner Heimatstadt Lübben in Brandenburg, auf ihn wartet. Drei Jahre und einen Tag lang wird er sie oder seine Familie nur dann sehen, wenn sie ihn unterwegs besuchen.

Anschließend rollt er alles in einen Charlottenburger. Dieses spezielle Tuch ist bedruckt mit Zeichnungen von Wandergesellen. Dann wirft der 21-Jährige sein Bündel über die Schulter und verlässt Lübeck, in der rechten Hand einen dicken, knorrigen Stab.

An einer geeigneten Stelle bleibt er stehen und hält den Daumen raus. Das Ziel kennt er nicht. Sein nächster Stopp wird davon bestimmt, bis wohin ihn jemand mitnimmt.

Kai Sargatzky ist Zimmermann. Als Wandergeselle nach dreieinhalb Jahren Ausbildung kann man durchs Land ziehen, "auf die Walz gehen". Gemäß den Bestimmungen der Handwerksgilde dauert die Wanderschaft drei Jahre und einen Tag.

Die Wanderschaft hat eine lange Tradition. Im Mittelalter wurden junge Handwerker auf die Walz geschickt, damit sie Erfahrungen sammelten und unterschiedliche Arbeitsmethoden kennenlernten. Von der Zunft gab es eine lange Liste an Vorschriften, die während der Wanderschaft zu befolgen waren. Die Regeln stammen aus dem Mittelalter, gelten aber – angepasst – noch heute: Reisen mit dem Bus oder Zug sind nicht erlaubt, Handys sind tabu, und Wandergesellen dürfen nirgendwo länger als sechs Monate bleiben.

Die Voraussetzung: Die Zimmerleute müssen jünger als 30 Jahre alt, unverheiratet und bei der Abreise schuldenfrei sein. Auf der Wanderschaft müssen sie immer Kluft tragen und dürfen sich ihrer Heimatstadt maximal auf 50 Kilometer nähern.

Diese Tradition gibt es in Deutschland auch bei vielen anderen Zünften, etwa den Maurern, Dachdeckern, Steinmetzen, Fliesenlegern, Möbelmachern und Juwelieren. Jeder von ihnen geht mit eigener Kluft auf Wanderschaft. Es gibt spezielle Lieder, Begrüßungen, Spiele und sogar eine Geheimsprache, die nur den Mitgliedern der Gilde bekannt sind. Die Gesellen arbeiten für Kost und Logis. Finden sie einmal keine Arbeit, übernachten sie auch im Freien.

Eine erfolgreich absolvierte Wanderschaft war früher Voraussetzung, um die Meisterprüfung abzulegen. Heute ist die Teilnahme freiwillig, und immer weniger Gesellen lassen sich auf diese Erfahrung ein. Kaum mehr als schätzungsweise 500 männliche und weibliche Handwerker sind zeitgleich auf der Walz.

Wenn Sargatzky in einer Stadt die Straße entlangschlendert, wird er angegafft, und hinter vorgehaltener Hand tuschelt man über ihn. Das liegt nicht an seinem jugendlichen, guten Aussehen, sondern weil er aussieht wie jemand, der einer anderen Zeit entsprungen ist. In Zeiten von GPS und Hochgeschwindigkeitszügen ist es nicht einfach, ein Leben nach jahrhundertealten Regeln zu führen. Doch wer sich auf die drei Jahre Wanderschaft einlässt, dem winken im Anschluss saftige Belohnungen, ganz abgesehen von all den Erfahrungen.

Momentan lebe ich in einer Werkstatt in Berlin", erzählt Sargatzky. "Dort gibt es ein kleines Zimmer mit Bad und Küche, in dem ich schlafe." Seit Lübeck sind zwei Wochen vergangen: Jetzt trinkt er ein Bier in der "Ruhlebener Klause", einer bei Handwerkern beliebten Kneipe. Er arbeitet in der Nähe der Stadtgrenze an einem Fachwerkhaus, und der Meister lässt ihn in seiner Werkstatt schlafen. Das ist nicht unüblich für Gesellen auf der Walz.

Es ist ein warmer Frühlingsabend und bei Sargatzky sitzen Steffen Kattner und David Schilling, zwei Berliner Zimmermänner, die ebenfalls die traditionelle Kluft tragen. Beide waren vor Jahren selbst auf der Walz und erzählen von der Zeit.

"In Amerika haben sich alle gewundert: 'Ihr seid doch Amische, warum tanzt und trinkt ihr dann bis früh morgens'?", erzählt Kattner zu schallendem Gelächter. Er ist quer durch Europa und Nordamerika gereist. Und wenn man seine Geschichten hört, hat er offenbar genauso viel Zeit damit verbracht, Leute kennenzulernen und Bier zu trinken wie mit der Arbeit. Biertrinken scheint ohnehin ein zentraler Bestandteil der Tradition zu sein.

"Solange ich in Berlin bin, muss ich jeden Mittwoch und jeden Sonntag in diese Kneipe kommen", erklärt Sargatzky. Eine seiner Aufgaben ist es, den Umgang zu erfahreneren Zimmermännern zu pflegen, und der Treffpunkt ist diese Gaststätte. Die Ruhlebener Klause gehört zu einem Netzwerk aus Zimmererkneipen, das sich über ganz Deutschland erstreckt und sogar im Ausland Ableger hat. Als Wandergeselle weiß man, dass man hier nach Arbeit fragen kann, und Bauunternehmer wissen, dass sie hier geeignetes Personal finden. Am letzten Samstag eines Monats treffen sich die Zunftmitglieder im Hinterzimmer, um Zeremonien abzuhalten. Was dort genau passiert, erfahren Außenstehende allerdings nicht.

Seine Kluft hat Sargatzky übrigens in Lübeck Arbeit verschafft: Ein Bauunternehmer sprach ihn an, ob er Arbeit suche. Einen Monat lang zimmerte Sargatzky Holzküchen und Badezimmer für Hausboote, ein aufregender Job. Im Gegenzug lebte er auf einem der Boote und aß umsonst. Für den 21-Jährigen war die Tätigkeit auch deshalb so interessant, weil er das noch nie gemacht hatte. Entsprechend viel hat er gelernt. Seit sechs Monaten ist Kai Sargatzky auf der Walz und es ist noch kein Tag verstrichen, an dem er nicht etwas Neues gelernt hat.

"Man hat die Wahl", sagt Kattner und nimmt einen Schluck aus dem großen Bierstiefel, den die Männer kreisen lassen. "Bleibst du zu Hause, arbeitest für eine Firma, bekommst dein Gehalt, dein Werkzeug, Urlaub? Oder gehst du auf Wanderschaft und hast eine anstrengende Zeit, die aber unglaublich viel Spaß macht."

Viele der strengen Regeln der Zunft sind dazu gedacht, die Wandergesellen vorsichtig an die Walz heranzuführen. Im ersten Jahr darf der Geselle nur in deutschsprachigen Ländern arbeiten, so gibt es keine Verständigungsprobleme: im zweiten Jahr auch in der EU und im dritten weltweit. Flüge sind nämlich erlaubt.

Kai Sargatzkys Wunschliste ist auf liebenswerte Weise berechenbar: Ganz oben stehen Australien und Texas. "Ich will einmal einen echten Cowboy sehen", erklärt er verlegen.

Meistens ist der 21-Jährige allein, aber während der ersten fünf Wochen wurde er von einem Wandergesellen begleitet, der seit einem Jahr unterwegs war. Von ihm lernte er, wie man am besten trampt und Arbeit findet. Und überkommt ihn doch einmal die Einsamkeit, weiß er, dass er in einer der Kneipen immer freundlich aufgenommen wird.

"Wir sind eine große Familie", sagt Sargatzky schüchtern lächelnd und zeigt dabei auf Kattner und Schilling. "Sie sind meine Brüder."

Zwei Tage später steht er hoch oben auf dem Dach des Fachwerkhauses im Nieselregen, in der Hand einen Hammer, zwischen den Zähnen lange Nägel. Meister Herbert Wiegmann hat ein Auge auf den Gesellen. Er ist ein umgänglicher Typ mit Lachfältchen um die Augen und einem verschmitzten Lächeln. Die Männer schlagen Nägel ein, während sich das Wasser in den breiten Krempen ihrer Hüte sammelt. Als der Regen zu stark wird, klettern sie vom Dach und stellen sich unter eine Plane, die zwischen zwei Bäume gespannt ist. Aus einer Thermoskanne gießen sie sich heißen Kaffee ein.

"Ich habe mit hundert oder mehr angehenden Zimmerern wie Kai gearbeitet", sagt Wiegmann, der über 60 ist. Auch er trägt die traditionelle Kluft und war selbst auf Wanderschaft. Deshalb ist es ihm so wichtig, wann immer er kann, mit Wandergesellen zu arbeiten.

"Wir sind die besten Arbeitskräfte", sagt Sargatzky ernst, und das ist keine Prahlerei. Zahlreiche Bauunternehmer bestätigen das. Auf der Walz eignet man sich Tricks und Methoden von Kollegen aus aller Welt an und kehrt als erfahrener und tüchtiger Zimmermann zurück.

"Inzwischen gibt es zahlreiche Meister, die nicht auf Wanderschaft waren", sagt Sargatzky. "Die Theorie beherrschen sie zwar, aber von der Praxis verstehen sie nichts."

Wenn Kai Sargatzky in zweieinhalb Jahren wieder nach Hause kommt, wird er dank seiner Erfahrung für künftige Arbeitgeber hoch begehrt sein. Das ist einer von vielen Vorteilen, den die Zeit auf der Walz mit sich bringt, aber es gibt auch Nachteile. Heute bezahlt ihn Herbert Wiegmann für seine Arbeit, aber manchmal bekommt er für seine Mühe nur eine warme Mahlzeit oder für die Nacht ein Dach über dem Kopf.

Sargatzky zuckt die Schultern und zieht an seiner Zigarette. Das sei eben so: "Wir reisen, um zu lernen, nicht um Geld zu verdienen."

Der Regen lässt wieder nach und Wiegmann springt auf. "Zurück an die Arbeit!", ruft er und klettert geschickt das Gerüst hinauf. Sargatzky folgt ihm über einen schmalen Balken, als sei der einen Meter breit. Er sieht zu, wie ein erfahrener Zimmerer die Nägel ins Dach hämmert und kopiert die Methode. Synchron arbeiten die beiden auf dem Dach.

18 Uhr, es hat aufgeklart, und das Dach ist fertig. Die zwei Handwerker stehen in der warmen Abendsonne auf dem Dach – mit Schnapsgläsern in der Hand. Unten haben sich Freunde und Nachbarn des Hausbesitzers versammelt. Es ist Richtfest, und Sargatzky als jüngster Handwerker auf der Baustelle trägt den Zimmermannsspruch vor.

"Gesegnet seien der Eigner und seine Frau, die Maurer und die Zimmerer, zusammengebracht durch die Kraft des Baus", ruft er. "Ich segne dieses Haus, möge es auf ewig unbeschadet stehen!" Die beiden Männer leeren ihre Gläser und steigen dann zur Feier hinunter. Es scheint, als wolle jeder mit den beiden Zimmermännern sprechen, während ihnen Bier, Schnaps oder Bratwürste in Brötchen gereicht werden.

Wandergesellen genießen in Deutschland ein sehr hohes Ansehen. Nicht selten schenken ihnen Fremde eine Mahlzeit, Eintrittskarten zu einer Veranstaltung oder Bargeld. Mit ihrer Kluft scheinen sie einen vertrauenerweckenden Eindruck zu machen. Woran das wohl liegen mag? Wie der 21-jährige Sargatzky so dasteht, in seiner Schlaghose, mit dem Schlapphut, eine Wurst im Mund und Senfreste an der Wange, kann man ihn sich nur schwerlich als schlechten Menschen vorstellen.

Was bringt einen jungen Mann dazu, auf die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts zu verzichten und stattdessen einer angestaubten Tradition zu folgen? Kai Sargatzky muss nicht lange überlegen: "Es ist eine schöne Sache. Du stehst morgens auf und gehst dorthin, wo du hinwillst. Du bist frei." Er wirkt, als sei er in Gedanken an einem ganz anderen Ort. Dann lächelt er das zufriedene Lächeln eines Menschen, der genau das tut, was er tun will. "Du bist frei – und das ist das Wichtigste."


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Shop



Preis 29,95 €

Geheimnisse der Handwerker

Viele Arbeiten rund um Haus und Wohnung kann man selbst ausführen - vorausgesetzt, man weiß, wie's geht. In diesem Praxis-Ratgeber verraten Profis all die kleinen und wirksamen Handgriffe, Tipps und Tricks, die man braucht, um selbst ans Werk zu gehen und dabei Zeit, Geld und Ärger zu sparen.

 

Zum Produkt >

Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH - Vordernbergstraße 6, 70191 Stuttgart