Das Leuchten des Sommers
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Ausgabe

Familie & Leben

Das Leuchten des Sommers

Die Jagd nach Glühwürmchen weckt Kindheitserinnerungen

Ausgabe: August 2014 Autor: Derek Burnett

Juli

Der Abend dämmert in unserem Garten im ländlichen North Carolina, USA. Meine Kinder und ich jagen mit Schmetterlingsnetzen ausgerüstet nach Glühwürmchen.

Wie Stäubchen in einem Sonnenstrahl sinken und steigen die Leuchtkäfer, und wenn ihr Licht erlöscht, beobachten wir ihre Silhouette vor dem Sonnenuntergang. Ich habe ein Glühwürmchen gefangen und reiche es meiner zweijährigen Tochter Zoe, die es in ihren Händen hält. Vorsichtig lugt sie durch einen Spalt hinein. Als das Glühwürmchen aufblitzt, strahlt sie und gibt es ihrem dreijährigen Bruder weiter.

Ist es die nach Honig duftende Sommerluft oder die Wehmut, die mich in diesem Moment überkommt? Ich stelle mir vor, wie ich mich Jahre später daran erinnere und von der Zeit spreche, "als die Kinder klein waren".

August

Wir sind auf einer Farm bei New York, wo ich einst mit meinen Eltern Glühwürmchen gefangen habe. Der Sommer ist im Schwinden, um Leuchtkäfer zu fangen, ist es zu kühl. Also wandern wir und fangen Frösche.

So wie früher. Meine Eltern, die beide auf die 70 zugehen, zogen sechs Kinder groß, und sie kümmerten sich um eine kleine Farm, die sie mit Gerätschaften aus dem 19. Jahrhundert bestellten. Zudem arbeiteten sie ehrenamtlich in ihrer Kirche und kümmerten sich um Pflegekinder, Straßenkinder und alte Menschen. Obwohl sie viel zu tun hatten, nahmen sie sich immer Zeit für uns und für vergnügliche Dinge.

Sie ließen uns Stromschnellen hinunterfahren und brachten uns Saltos bei. Den Sommer über saßen wir am Lagerfeuer im Garten, den Winter über spielten wir Brettspiele. Und an den Abenden las Dad uns allen vor – selbst noch, als einige von uns bereits Teenager waren. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals nach der Arbeit zu müde war, um etwas mit uns zu unternehmen.

Das ist heute noch so. Mein Vater spannt sein uraltes, knochiges Pferd Duke vor den Einspänner, um mit uns auszufahren. Dad kaufte Duke vor Jahren von den Amischen, die sehr traditionsbewusst leben. Obwohl er schon sehr alt ist, zieht Duke noch immer gern den Wagen. Nach einem Kilometer schauen wir zurück und sehen einen blauen Punkt auf der Straße näher kommen. Es ist meine Mutter, die auf ihrem Fahrrad in die Pedale tritt. Und ehe wir uns versehen, hat sie uns überholt und grinst breit, während die Kinder ihr zujubeln.

Nach dem Abendessen klettern wir auf den Heuwagen und fahren zum Angeln. Die Sonne ist bereits untergegangen und Nebel ist aufgezogen, als wir zusammenpacken. Auf dem Heimweg sitze ich neben meiner Mutter und halte die Kinder im Arm. "Erinnerst du dich noch daran, wie wir im Nebel spielten?", fragt sie.

"Natürlich."

"Ich denke an einen bestimmten Tag. Es war ein Abend wie dieser", fährt sie fort. "Wir sahen den Nebel aufsteigen und sagten: 'Lasst uns rausgehen.' Dann spielten wir Verstecken."

Ich kann mich nicht an diesen speziellen Abend erinnern, aber das macht nichts, denn die atemberaubende Kulisse hilft meiner Vorstellungskraft: eine matte, gelbe Mondsichel hoch über den Nebelschwaden, Nester aus Weidengras, der Geruch von Erde, Heu und jungem Leben.

Damals, als meine Eltern wahrscheinlich zwischen 20 und 30 waren, ließen sie alles liegen, um mit ihren Kindern im Nebel ausgelassen herumzutollen. Heute, Jahrzehnte später, sitzt Mutter neben mir und erzählt vom gemeinsamen Vergnügen. Ich frage mich, ob auch sie an jenem nebligen Abend vor langer Zeit dieses Gefühl überkam, dieses Wissen um die Bedeutung des Satzes: "Als die Kinder klein waren"?

Januar

Wie jeden Sonntagabend telefoniere ich mit meinen Eltern. Wie üblich ist der Winter bei uns in North Carolina mild, doch bei meinen Eltern herrschen eisige Temperaturen, und der Wind bläst bitterkalt. Vater erzählt, dass Duke gestorben ist. Normalerweise war Duke im Stall, wenn Vater hinausging, um seine tägliche Arbeit zu verrichten, aber an jenem Abend nicht.

Vater ging über die Weide, rief nach seinem alten Pferd und sah es schließlich auf dem gefrorenen Bach liegen. Wahrscheinlich war Duke auf dem Eis ausgerutscht, gefallen und dann erfroren. In seiner Stimme höre ich Schuldgefühle. Vater sagt, er wolle für Duke keinen Ersatz anschaffen.

Seine Worte geben mir zu denken. Die Farm wird stetig kleiner – es gibt keine Rinder, keine Schweine mehr und einen kleineren Garten. Meine Eltern sprechen vom Älterwerden. Langsam werden sie schwächer, und ich muss lernen, damit umzugehen.

Juli

Die Kinder sind ein Jahr älter, und der Garten ist durch die grünen Lichter der Glühwürmchen wieder festlich erleuchtet. Ich fange das erste in diesem Jahr und reiche es meinem Sohn. Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, wo ich in diesem Moment lieber wäre, nichts, was ich lieber tun wollte. Ich denke an meine eigene Kindheit. War sie so idyllisch wie meine Erinnerung? Vielleicht. Das spielt aber keine Rolle, denn die Liebe, die ich erfahren habe, wiegt mehr. Und mit etwas Glück empfinden es meine Kinder ähnlich.

Vor Jahren machte ich hoffnungsvolle, wenn auch vergebliche Ausflüge in den Buddhismus. Womöglich würde mir das Loslösen von meinen Eltern gute Dienste leisten, während sie langsam älter und schwächer werden. Doch ich hänge viel zu sehr an ihnen, an meiner Frau und meinen Kindern sowie an den Freuden und schönen Dingen dieser Welt. Außerdem rechne ich mir aus, dass die Freude der Bindung den Schmerz des Verlustes wert sein wird.

Ein Vergleich aus dem Buddhismus lässt mich seitdem nicht mehr los: Die Reinkarnation ist wie das Weiterreichen einer Flamme von einer Kerze zur anderen. Die Quelle des Lebens ist dieselbe – über alle Generationen hinweg. Doch sobald sie von einer Kerze zur anderen weitergegeben worden ist, ist es nicht mehr dieselbe Flamme.

Und endlich begreife ich! Genau das ist es, was ich hier tue, wenn das kleine Licht des Glühwürmchens aus meiner Hand in die meiner Kinder wandert. Ich reiche die Flamme weiter, die für einen Moment lang mir gehört hat.


 

RD Abbinder
RD Abbinder
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