Der schönste Weihnachtsbaum
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Der schönste Weihnachtsbaum

Reader’s Digest Leser Bill Butler erzählt von seinem liebsten Weihnachtsfest: Als er fünf Jahre alt war, verwandelte seine Mutter eine verkrüppelte kleine Tanne in einen schönen Weihnachtsbaum.

Ausgabe: Dezember 2016 Autor: Bill Butler, Leser von Reader’s Digest

Wir waren erst vor kurzem nach Manhattan gezogen und kannten noch niemanden in der Stadt. Mein Vater, als Soldat im Ausland stationiert, konnte in jenem Jahr an Heiligabend nicht zu Hause sein. Meine Mutter (Mitte 20) und ich (fünf Jahre alt) hatten den Nachmittag über Weihnachtsschmuck gebastelt. Der Küchentisch lag voll mit Sternen, Kugeln und Tieren aus glänzendem Papier. Außerdem hatten wir eine mehrere Meter lange Girlande aus farbigen Papierschlangen gefertigt.

Kurz nach Sonnenuntergang zogen wir uns warm an und liefen vier Häuserblöcke zu einem Parkplatz, um einen Weihnachtsbaum zu kaufen. Gegen Abend wurden sie günstiger. „Wie viel kostet der billigste Baum?“, fragte meine Mutter den Mann, der an der Einfahrt stand. Er wärmte seine Hände, die in Handschuhen steckten, über dem Feuer in einer Stahltonne. Seine braune Haut glänzte im Flammenschein. „30 Dollar, Miss.“ Ihr Lächeln verschwand. „Gibt es keinen billigeren?“

Der Verkäufer schenkt den beiden einen häßlichen, verkrüppelten Baum

Damals wusste ich nicht, wie arm wir waren. Der Mann hob einen Ast auf und warf ihn ins Feuer. „Ich arbeite hier. An den Preisen kann ich nichts ändern.“ Die Melancholie im Gesicht meiner Mutter machte mich traurig. Dann schaute mich der Verkäufer ewig an – so schien es mir zumindest –, obwohl es vermutlich nur wenige Augenblicke waren. Anschließend zeigte er auf einen Haufen Tannenzweige in der Ecke des Parkplatzes. „Sehen Sie den Holzverschnitt dort? Dahinter steht ein unverkäuflicher Baum – den bekommen Sie umsonst.“ „Vielen Dank“, erwiderte meine Mutter und stupste mich. „Vielen Dank“, sagte auch ich.

Gegen den Zaun gelehnt stand ein verkrüppeltes Etwas, kaum größer als ich. Der Baum hatte nur wenige Äste und sah sehr verkümmert aus. Meine Mutter rief zu dem Mann hinüber: „Können wir auch ein paar von den Ästen hier mitnehmen?“ „Meinetwegen können Sie so viel haben, wie Sie wollen.“ Zu Hause stellten wir den Baum in die Ecke des Wohnzimmers. Ich konnte mir nicht vorstellen, wo wir all den Schmuck hinhängen sollten. Mutter lächelte wieder. „Geh jetzt ins Bett. Der Weihnachtsmann wird den Baum für uns schmücken.“

Am nächsten Tag stand ein wunderschöner Weihnachtsbaum anstelle des verkümmerten Baums in der Ecke des Wohnzimmers

Bei Tagesanbruch wachte ich auf und rannte sofort ins Wohnzimmer. Da stand ein wunderschöner Baum, dessen Schmuck im Morgenlicht glitzerte. Die Girlande aus blauem, rotem, weißem und grünem Papier wand sich anmutig um ihn. Beinahe hätte ich die Geschenke unter dem Baum nicht bemerkt. Ein paar Tage später hielt ich die Neugier, nicht mehr aus und untersuchte den Baum. Mutter hatte die losen Äste mit Draht an dem fast kahlen Baumstamm befestigt und ihn anschließend so zurechtgestutzt, dass er perfekt aussah.

Als einige Wochen später mein Vater zurückkehrte, erzählte ich ihm von dem Baum. Dann geschah etwas, was ich damals nicht verstand. Seine Augen füllten sich plötzlich mit Tränen. Seitdem habe ich viele wunderschöne Weihnachtsfeiertage erlebt, doch dieses Fest blieb mir das liebste.

 


 

RD Abbinder
RD Abbinder
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