Deutschland hilft gern
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Familie & Leben

Studie zeigt: Deutschland hilft gern

Eine repräsentative Umfrage von Reader's Digest zeigt: Deutschland hilft gern.

Ausgabe: Februar 2016 Autor: Christiane Kolb

Eben sind Sie in den Zug gestiegen, jetzt muss nur noch Ihr schwerer Koffer in die Ablage hoch über Ihrem Kopf. Die Chancen stehen gut, dass Ihnen gleich jemand zu Hilfe eilt. Neun von zehn Mitmenschen packen in einem solchen Fall nämlich gern mit an. Das zeigen die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag von Reader's Digest unter 1013 Personen ab 14 Jahren durchgeführt hat.

Kleine Kosten – großer Nutzen

Das erlebt Julia van Dipthen aus Hamburg, Mutter von zwei kleinen Mädchen fast täglich: "Neulich stand ich wieder einmal in einem S-Bahnhof am Fuß einer Treppe, Clara an der einen Hand, Flora im Kinderwagen an der anderen", erzählt die 35-Jährige. "Diesmal war nur eine einzige Frau in der Nähe. Ich bat sie, mir zu helfen. Doch sie lehnte ab. Ich war völlig verdutzt." Diese Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen unserer Umfrage: 87 Prozent der Menschen in Deutschland sind demnach bereit, Unbekannten beim Tragen von Koffer oder Kinderwagen zu helfen. "Im Vorbeilaufen entschuldigte sich die Frau dann aber bei mir: Es täte ihr leid, sie müsse den Zug erreichen", sagt van Dipthen.

Mit schneller Hilfe darf auch rechnen, wer in einer fremden Stadt die Orientierung verloren hat. 98 Prozent der Menschen in Deutschland weisen wie selbstverständlich den richtigen Weg. 77 Prozent würden bei der Suche nach etwas Verlorenem helfen, 70 Prozent bei einer Autopanne. "Die Werte sind erfreulich hoch", erklärt Andrea Abele-Brehm, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Nürnberg-Erlangen. "In ihrer Abstufung unterstützen sie eine psychologische Theorie, nach der wir in vielen Entscheidungssituationen eine Kosten-Nutzen-Kalkulation vornehmen. Dabei wägen wir bei der Hilfe für andere ab: Wie viel Kosten, sprich Aufwand entsteht für uns selbst? Das setzen wir ins Verhältnis zum Nutzen, den unser Gegenüber aus der Hilfeleistung zieht." Zeigt man also den Weg, "kostet" das wenig Zeit und Mühe, löst aber das Problem des anderen voll und ganz – 98 Prozent helfen. Beteiligt man sich an der Suche nach etwas Verlorenem, ist der Aufwand hoch, aber der Nutzen unsicher – es helfen "nur" 77 Prozent.

Beruhigend zu wissen: Sollte es einmal dramatisch werden, können Sie sich auf Ihre Mitmenschen verlassen – selbst wenn der Nutzen eher schwer vorherzusagen ist: 97 Prozent der Befragten würden sofort helfen, sollte es einem Unbekannten gesundheitlich schlecht gehen.

Wer hilft mit Geld aus?

Sie stehen am Fahrkartenautomaten. Der verlangt nach Münzen – Sie haben aber nur einen Schein in der Geldbörse. Wird irgendein Passant Ihnen den wechseln oder das benötigte Kleingeld sogar schenken? Immerhin 57 Prozent der Menschen in Deutschland sind grundsätzlich dazu bereit. Dennoch: Die Bereitschaft zu helfen ist in diesem Fall vergleichsweise gering. Warum? "Weil die Hilfsbedürftigkeit in dieser Situation für die Befragten nicht ganz so eindeutig ist", erklärt Abele-Brehm. "Man könnte schließlich vermuten, dass dahinter die Absicht steckt, sich ohne Not Geld schenken oder beim Wechseln etwas verschwinden zu lassen."
Am besten richten Sie Ihre Bitte nach Wechselgeld übrigens an einen Berufspendler, eine Familie oder eine besonders edel gekleidete Person. Überdurchschnittliche 64 Prozent der Berufstätigen, 68 Prozent jener, die mit mindestens drei weiteren Personen in einem Haushalt leben und etwa 70 Prozent der Besserverdienenden würden in diesem Fall helfen.

Anspruch und Wirklichkeit

Würden all jene, im Ernstfall tatsächlich Unterstützung anbieten? "Wenn man nach Absichten fragt – also danach, wie Menschen handeln würden – antworten grundsätzlich mehr Menschen positiv. Weil wir uns selbst so sehen und auch von anderen positiv wahrgenommen werden möchten", beschreibt Abele-Brehm das Phänomen der sogenannten sozialen Erwünschtheit. Deshalb wurden die Teilnehmer der Umfrage gefragt, wann sie zuletzt einem Unbekannten geholfen haben und wann ihnen zuletzt ein Unbekannter Hilfe gewährt hat. 24 Prozent erinnern sich an eine eigene gute Tat "im letzten Jahr", bei 14 Prozent liegt sie länger zurück. Praktisch jeder Zweite gibt an, erst "vor Kurzem" einen anderen unterstützt zu haben.

Jung und spontan

Zeitgenossen, die sich gern mal über die angeblich rüpelhafte Jugend von heute erregen, sollten noch einmal nachdenken. Die jüngeren Generationen unterstützen ihre Mitmenschen nämlich besonders tatkräftig! Zwei Drittel der Befragten unter 30 Jahren, und sogar rund drei Viertel der 30- bis 39-Jährigen haben erst "vor Kurzem" einem Unbekannten geholfen. "Menschen in diesem Alter spüren sicher eher den sogenannten Aufforderungscharakter der Situation – von Jüngeren wird Hilfsbereitschaft am ehesten erwartet", erläutert Dr. Martin Korndörfer vom Psychologischen Institut der Universität Leipzig. "Vielleicht kommen sie auch schlicht häufiger in solche Situationen. Schließlich sind sie oft in der Öffentlichkeit unterwegs."

Egal ob jung oder nicht mehr ganz so jung: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland springt anderen spontan bei. 62 Prozent geben an, dass sie zuletzt geholfen haben, ohne darum gebeten worden zu sein, 33 Prozent packten nach Aufforderung mit an. Dasselbe Bild zeigt die Gegenprobe: 49 Prozent der Befragten bekamen vor Kurzem Unterstützung aus freien Stücken, nur 28 Prozent mussten darum bitten.

Der Einzelne hilft schneller

38 Prozent der Befragten, die einräumen, schon einmal nicht geholfen zu haben, geben an, dass sie sich nicht aufdrängen wollten oder unsicher waren, ob Hilfe überhaupt benötigt wurde. 30 Prozent sagen "da waren andere Leute, die hätten helfen können." Experte Korndörfer bezweifelt, dass dies in jedem Fall der wahre Grund war: "Diese Antworten sind eine typische Neutralisierungstechnik. Damit rechtfertigt man vor sich selbst, wenn man etwas gesellschaftlich Wünschenswertes doch nicht getan hat." "Natürlich kommt es auch tatsächlich oft vor, dass man unsicher ist, ob das Gegenüber überhaupt Hilfe haben möchte", meint hingegen Professorin Abele-Brehm. In diesem Fall mangele es nicht an Hilfsbereitschaft, sondern man erwäge, ob man mit dem Hilfsangebot den Stolz oder das Selbstwertgefühl des Gegenübers verletze. "Das trifft oft im Umgang mit älteren Menschen oder Behinderten zu."

30 Prozent gaben an, nicht geholfen zu haben, weil da noch andere waren, die hätten anpacken können. Dafür könnte die sogenannte Verantwortungsdiffusion verantwortlich sein: "Je mehr Menschen da sind, desto geringer erscheint die eigene Verantwortung", erklärt Expertin Abele-Brehm. "Versuche haben gezeigt, dass schneller Hilfe geleistet wird, wenn wenige oder nur eine einzige Person anwesend ist."

Die Sorge um ihre Sicherheit hinderte lediglich 27 Prozent schon einmal daran, einem Unbekannten zur Seite zu stehen. "In den meisten der abgefragten Hilfssituationen besteht ja auch tatsächlich keine Gefahr", so Experte Korndörfer. "Wir leben in einer sicheren Gesellschaft, dessen sind sich die Menschen bewusst." Und noch eines sollten Sie sich bewusst machen: Geleistete Unterstützung tut nicht nur dem Empfänger, sondern auch dem Helfer gut! Sozialpsychologin Abele-Brehm wies dies erst kürzlich in einer Studie nach: "Materielle Werte tragen weniger zur Lebenszufriedenheit bei als Vertrauen, Freundschaft und Hilfsbereitschaft." Machen Sie also sich und andere glücklich – und helfen Sie!

Ob ein Passant ungefragt hilft – oder eine Bitte abwartet – hängt auch vom Geschlecht ab:

Hilfe geleistet

Sie haben die Hilfe angeboten: 65 % Männer, 58 % Frauen
Sie wurden um die Hilfe gebeten 32 % Männer, 35 % Frauen
Auf 100 Prozent fehlende Angaben: weiß nicht, keine Angabe

Hilfe empfangen

Sie haben um die Hilfe gebeten: 33 % Männer, 23 % Frauen
Die Hilfe wurde Ihnen angeboten: 44 % Männer, 54 % Frauen

 


 

RD Abbinder
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