Die Geschichte der Sintflut gab es schon vor Noah und seiner Arche
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Die Geschichte der Sintflut gab es schon vor Noah und seiner Arche

Die biblische Erzählung über die Hochwasserkatastrophe ist nur die Neuauflage einer alten Geschichte.

Autor: Reader's Digest Book

Jeder kennt die Geschichte, sie steht im Alten Testament gleich am Anfang, im 1. Buch Mose: Gott ist mit den Menschen und ihrem Lebenswandel unzufrieden und schickt ihnen daher eine schlimme Flutkatastrophe, die 40 Tage und 40 Nächte dauert. Alles Leben auf der Erde wird vernichtet. Nur der gottesfürchtige Noah und seine Frau können sich, von Gott rechtzeitig gewarnt, auf eine dreistöckige Arche retten. Außerdem marschiert von allen Tierarten je ein Paar auf das schützende Boot. Als das Wasser langsam zu sinken beginnt, landet die Arche auf der Spitze des Bergs Ararat. Um die Lage zu sondieren, öffnet Noah ein Fenster und lässt erst einen Raben und dann eine Taube hinausfliegen, doch beide kehren in die sichere Obhut der Arche zurück. Ein paar Tage später schickt er eine weitere Taube los, die bei ihrer Rückkehr einen Ölzweig im Schnabel hält. Jetzt weiß Noah, dass die Flut im Boden versickert ist. Gott verspricht, eine solche Katastrophe nie wieder geschehen zu lassen, und auf der Erde beginnt neues Leben.

Schmelzende Gletscher?

Immer wieder haben gelehrte Köpfe den Versuch unternommen, die biblische Sintflut mit einer realen Naturkatastrophe in Verbindung zu bringen. So soll sich nach der Meinung mancher Forscher vor vielen Tausend Jahren der Wasserspiegel des Mittelmeers durch das Abschmelzen von Gletschern stark angehoben haben. Daraufhin hätten sich die Wassermassen durch den Bosporus in das Schwarze Meer ergossen und für riesige Überschwemmungen gesorgt. Dieses katastrophale Ereignis hätte die Vorlage für die Sintflut-Geschichte geliefert. Doch solche und ähnliche Theorien kann man mit ziemlicher Sicherheit in das Reich der Fabel verweisen. Neueste meeresgeologische Untersuchungen haben das widerlegt. Zwar stieg der Wasserspiegel der Weltmeere tatsächlich durch das Abschmelzen der Gletscher an, doch war es eher ein langsamer Prozess als eine plötzlich hereinstürzende Urgewalt. Die biblische Sintflut-Erzählung geht nicht auf ein konkretes Ereignis zurück. Vielmehr spiegelt sich in ihr das Erlebnis vieler Überschwemmungen wider, wie sie im Alten Orient häufig passierten und sozusagen an der Tagesordnung waren.

Die Ur-Sintflut

Die Noah-Geschichte ist nicht die einzige und nicht einmal die früheste Darstellung einer tödlichen Flutkatastrophe. Wesentlich älter ist das Gilgamesch-Epos, das im 2. Jahrtausend v. Chr. entstand, also lange Zeit vor dem Alten Testament, das aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. stammt. Die Gilgamesch-Erzählung von einer großen Überschwemmung wurde 1872 in Babylon auf Tontafeln entdeckt. Ausschnitte des Epos wurden seitdem auf hunderten von Keilschriftfragmenten gefunden und waren wahrscheinlich die Quelle für die biblische Geschichte von Noah. Gilgamesch war ein König der Sumerer, im Land zwischen Euphrat und Tigris, dem heutigen Irak. Er lebte nach den Erzählungen in der Zeit nach der Erschaffung der Welt durch die Götter Mesopotamiens. Die Menschen wurden aus Lehm geschaffen sowie aus dem Fleisch und dem Blut eines geschlachteten Gottes. Den Göttern aber bereiteten die vielen Menschen, die es auf der Erde bald gab, zu viel Lärm und Unruhe. Daher schmiedeten sie allerlei Pläne, um die Zahl der Erdbewohner zu dezimieren. Als Plagen und Krankheiten keine Abhilfe schufen, sandten sie schließlich eine Sintflut, die tatsächlich alles Leben auf der Erde vernichtete. Nur einer überlebte: der weise und fromme Atrahasis und mit ihm seine Familie und eine Reihe von paarweise ausgewählten Tieren. Die Bibel hat also nicht das Copyright auf das Sintflut-Motiv. Vielmehr bediente man sich gern und ausführlich in der reichen Mythenwelt des Orients.

Deukalion und Pyrrha

Auch in anderen Kulturen spielten verheerende Überschwemmungen eine wichtige Rolle. Bei den Griechen trug ihr Noah den Namen Deukalion. Der oberste Gott Zeus zürnte den Menschen, weil sie moralisch und sittlich verkommen waren. Daher kam er zu dem Ergebnis, dass die Menschen von der Erde verschwinden müssten. Tag für Tag regnete es, bis alles überflutet war und es keinen Unterschied mehr zwischen Wasser und Land gab. Fast alle Menschen ertranken, nur zwei entgingen dem göttlichen Zorn: Deukalion und seine Frau Pyrrha. Sie steuerten mit einem Schiff durch die Fluten und wurden gerettet. Wie Noah landeten sie ganz oben auf einem Berg, auf dem Gipfel des Parnassos-Gebirges. Weil es außer ihnen keine Menschen mehr gab, erfand Zeus eine besondere Methode: Deukalion und Pyrrha mussten Steine hinter sich werfen. Aus den Steinen des Deukalion wurden Männer, aus denen Pyrrhas Frauen. Das war immerhin eine Zutat, auf die das Gilgamesch-Epos und die Bibel nicht gekommen waren.

 

 

 


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