Die Kraft der Vergebung
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Die Kraft der Vergebung
Wut ist eine natürliche Reaktion, aber Rache macht nichts wieder gut.
Ausgabe: Januar 2015 Autor: Desmond Tutu

Als kleiner Junge musste ich oft miterleben, wie mein Vater meine Mutter verbal und körperlich misshandelte. Ich kann mich gut an den Alkoholgeruch erinnern, an die Angst in den Augen meiner Mutter. Und an die Verzweiflung, die ich spürte, weil Menschen, die ich liebte, sich auf so unverständliche Weise verletzten. Diese Erfahrungen wünsche ich niemandem, vor allem keinem Kind. Ich verspürte damals den Wunsch, meinem Vater wehzutun, es ihm auf gleiche Weise heimzuzahlen – wozu ich als Kind aber nicht in der Lage war. Ich sehe das Gesicht meiner Mutter vor mir, diesen sanften Menschen, den ich so sehr liebte und der diese Misshandlung nicht verdient hatte.

Wenn ich mich daran erinnere, wird mir klar, wie schwer es ist, zu vergeben. Heute kann ich verstehen, dass mein Vater ihr Schmerzen zufügte, weil er selbst voller Schmerz war. Und mein Glaube sagt mir, dass ich meinem Vater vergeben sollte, wie Gott uns allen vergibt. Schwierig bleibt es trotzdem. Ein Trauma, das wir einmal erfahren haben und immer wieder durchleben, kann uns auch Jahre später noch Schmerzen zufügen – jedes Mal, wenn wir daran denken.

Wurden Sie auch schon einmal verletzt? Ist die Wunde noch frisch oder handelt es sich um eine alte Verletzung, die nicht heilen will? Was Ihnen auch angetan wurde – es war falsch und ungerecht. Sie haben es nicht verdient und sind zu Recht wütend. Und es ist auch normal, dass Sie zurückschlagen wollen. Aber das bringt nie Genugtuung, auch wenn wir zunächst glauben, dass es helfen könnte.

Ein Beispiel: Wenn ich Sie schlage, nachdem Sie mich geohrfeigt haben, nimmt das mir weder den Schmerz, den ich in meinem Gesicht spüre, noch die Traurigkeit darüber, dass Sie mich geschlagen haben. Vergeltung nimmt uns im besten Fall für eine kurze Zeit den emotionalen Schmerz. Die einzige Möglichkeit, Frieden zu erfahren, ist, dem anderen zu vergeben. Bis wir dazu in der Lage sind, verharren wir in unserem Schmerz. Solange bleiben uns innere Freiheit und ein Leben in Frieden verwehrt.

Bevor wir dem Menschen, der uns verletzt hat, vergeben, bleiben wir an ihn gefesselt mit den Ketten der Verbitterung. Solange hält er den Schlüssel zu unserem Glück in der Hand, ist sozusagen unser Kerkermeister. Doch sobald wir vergeben, übernehmen wir wieder selbst die Kontrolle über unser Schicksal und unsere Gefühle. Vergebung ist die beste Form von Selbstliebe – im wissenschaftlichen wie im spirituellen Sinn. Wir vergeben nicht, um dem anderen zu helfen. Wir verzeihen nicht ihm. Wir vergeben um unserer selbst willen.

Bischof Desmond Tutu war Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika und erhielt 1984 den Friedensnobelpreis.


AUS: DESMOND TUTU/MPHO TUTU – DAS BUCH DES VERGEBENS. VIER SCHRITTE ZU MEHR MENSCHLICHKEIT: © 2014 ALLEGRIA-VERLAG IN DER ULLSTEIN BUCHVERLAGE GMBH, BERLIN

 

RD Abbinder
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