Der Kiwi, ein flugunfähiger Vogel, das Wappentier Neuseelands.
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Ein äußerst seltener Vogel

Naturschützer wollen Neuseelands Nationalsymbol vor dem Aussterben bewahren: den Kiwi.

Ausgabe: Oktober 2020 Autor: Stéphanie Verge

Seit Minuten tastet Bridget Palmer mit dem rechten Arm in einem Bau herum nach dem Kiwi-Küken. Neben ihr steht John Black. Er hat vor ihr den Bau abgesucht, aber ebenfalls nichts gefunden. Die beiden sind Mitglieder des Whakatane Kiwi Trust auf der Nordinsel Neuseelands und für den Umgang mit lebenden Kiwis ausgebildet. Doch an diesem Novembermorgen 2018 im Naturschutzgebiet Ohope Scenic Reserve finden sie keine. Bridget Palmer, 44, hauptberuflich Rangerin bei der Naturschutz­behörde DOC, zieht feuchte Blätter aus dem Nest. Sie sucht nach Eierschalen als Hinweis darauf, dass ein Kiwi-Küken geschlüpft ist. Sie findet einen Schnabel und Federn – Palmer hält ein totes Jungtier in Händen. „Beim Schlüpfen gestorben“, murmelt sie und begräbt den kleinen Vogel. Nach etwa 85 Tagen im Ei versuchte das Tier zu schlüpfen, war aber zu schwach und blieb stecken. Sich aus einem Ei freizupicken kann drei bis fünf Tage dauern. Bevor ihm der Durchbruch gelang, war das Küken erstickt.

Sein Geschwisterchen Kikorangi, das zwei Wochen früher zur Welt kam, und ihr Vater Pea, der mit einem Peilsender ausgerüstet ist, sind aus dem Nest geflüchtet – wohl wegen des üblen Geruchs. Dennoch hofft Palmer, dass Pea dieses Nest wieder benutzen wird. Beim Nördlichen Streifenkiwi (oder Braunen Kiwi) legt das Weibchen die Eier, die dann drei Monate lang vom Männchen ausgebrütet werden. Das Nest liegt gut einen halben Meter tief unter dicken Baumwurzeln. Ohope gehört zu den wenigen verbliebenen Wäldern des Landes, in denen Pohutukawa wächst, ein kuppelförmiger Baum mit purpurfarbenen Blättern. Das Naturschutzgebiet ist reich an Vogelarten wie dem Tui, einem dunklen Honigfresser, dem melodiös singenden Maori-Glockenhonigfresser und dem Neuseelandfächerschwanz. Die Neuseeländer sind stolz auf ihre Vögel, vor allem aber auf den Kiwi. Er ist das bekannteste Symbol des Landes, nicht einmal Hobbits können daran rütteln. Aber der Kiwi steckt in Schwierigkeiten.

 

Bedrohte Arten

34 Prozent der nur in Neuseeland vorkommenden Land- und Süßwasservögel sind laut DOC bereits ausgestorben. Bei den Meeresvögeln sind es 5 Prozent. Von den verbliebenen Arten gelten mehr als ein Drittel als „gefährdet“. Dazu zählt der Braune Kiwi, der häufigste Vertreter der fünf bekannten Kiwi-Arten. Aber auch seine Vettern, der Okaritokiwi (die seltenste Art), der Südliche Streifenkiwi (auch Tokoeka genannt), der Haastkiwi (groß und wild, lebt vorzugsweise im Gebirge) und der Zwergkiwi (grau und gesprenkelt) sind allesamt in Not. Insgesamt leben geschätzt nur noch rund 68.000 Kiwis auf den Inseln. Gemeinsam sind allen Arten ein haariges Federkleid und schnurrhaarähnliche Borsten, mit deren Hilfe sich die Vögel im Dunkeln orientieren. Dank des langen Schnabels, an dessen Spitze die Nasenlöcher sitzen, verfügen sie über einen außerordentlich guten Geruchssinn. In Neuseeland gibt es viele Vogelarten, die im Laufe der Evolution zu Bodenbewohnern wurden. Als Ende des 18. Jahrhunderts Europäer auf den Inseln anlegten und Fressfeinde einschleppten, waren die flugunfähigen Vögel wehrlos.

Von den fünf Kiwi-Arten verschwindet keine so rasch wie der Braune Kiwi, hauptsächlich infolge von Abholzung seines Lebensraums. Aber auch Hermeline, Autos und Fallen für Fuchskusus tragen ihren Teil bei. Zudem sind fast ein Drittel aller Eier nicht befruchtet oder die Küken schlüpfen nicht. Von 100 geschlüpften Küken schaffen es gerade einmal fünf, 1 Kilo schwer zu werden, so dass sie zu groß für Nachstellungen durch Hermeline sind. Ohne Schutz würde die Kiwi-Population jedes Jahr um 2 Prozent schrumpfen, und nach 50 Jahren wäre der Braune Kiwi ausgestorben. Deshalb arbeiten Palmer, Black und weitere 130 Freiwillige daran, den Kiwi zu retten.

 

Pea, der Lieblings-Vogelpapa

Pea zählt seit Langem zu Palmers Lieblingen. Sie hat den Vogel nach ihrer eigenen Mutter benannt und zahlt die 335 Neuseeländischen Dollar, die der Sender pro Jahr kostet. 22 erwachsene Männchen und 16 Küken will der Trust jedes Jahr überwachen. Um Förderer zu finden, verspricht man ihnen eine Begegnung mit „ihrem“ Tier in der freien Laufbahn. Die meisten Neuseeländer haben noch nie einen der nachtaktiven Vögel gesehen. Pea ist eine kleine Berühmtheit, war er doch das erste Küken, das im Rahmen des Whakatane Kiwi Project schlüpfte und heranwuchs. Bevor Pea 2011 zur Welt kam, arbeitete der Trust noch mit Operation Nest Egg (ONE) zusammen, einer Initiative, an der die DOC, lokale Naturschutzgruppen, Maori, Wissenschaftler und Aufzuchteinrichtungen mitwirken. ONE holt Kiwi-Eier aus den Bauten, brütet sie aus und zieht die Küken in Gefangenschaft groß, bis sie mindestens ein Kilogramm wiegen. Nach sechs Monaten können die Tiere in ihr Revier zurückkehren. Das Whakatane Kiwi Project beschloss, den Vögeln vor Ort zu helfen, indem man die Tiere ab dem Schlüpfen überwachte.

Der Arbeitsbereich des Trusts im Naturpark Rainbow Springs sieht anders aus, aber das Ziel ist dasselbe – der Kiwi soll überleben. Hier in Rotorua befindet sich die National Kiwi Hatchery Aotearoa, die weltgrößte Aufzuchtstation dieser Art. Leiterin der Kiwi-Haltung ist die 38-jährige Emma Bean. Sie und ihre sieben Mitarbeiter helfen durchschnittlich 130 Küken im Jahr auf die Welt. Spätestens fünf Tage nach dem Schlüpfen wissen die Küken, wie sie mit ihrem langen Schnabel nach Insekten picken müssen. Sie sind jetzt bereit, loszuziehen. Braune Kiwis verlassen das väterliche Nest häufig nach einer Woche, andere Kiwi-Arten lassen sich meist ein wenig mehr Zeit. „Kiwis sind biologisch bedeutsam“, sagt Emma Bean. Im Gegensatz zu den meisten anderen Vögeln verfügen sie über zwei Eileiter. Ihre Körpertemperatur entspricht mit 38 Grad eher der menschlichen als den 40 bis 42 Grad, die bei Vögeln üblich sind. Ihre Knochen sind nicht hohl, sondern enthalten Knochenmark. Die Tiere können mehr als 50 Jahre alt werden. Der Ruf des Kiwis ist auffällig. Beim Männchen ist er durchdringend, beim Weibchen eher kratzend. Nach Sonnenuntergang rufen sie zehn- bis 25-mal.

 

Ein Naturschutzgebiet in der Hauptstadt

Kiwi-Rufe kann man auch in Zealandia hören, einem Naturschutzgebiet in Neuseelands Hauptstadt Wellington. Hier will man die Natur des Tals in den Zustand zurückzuversetzen, der herrschte, bevor die Europäer ankamen. Das 225 Hektar große Umweltschutzprojekt beherbergt mehr als 20 Tierspezies, die hier im Tal ausgewildert wurden, seit Zealandia 1999 eröffnete. Einige davon waren seit mehr als einem Jahrhundert sowohl auf der Nordinsel wie auch auf der Südinsel ausgestorben gewesen, etwa die Brückenechse Tuatara, deren nächster Verwandter zur Zeit der Dinosaurier lebte. Zum Glück hatten kleine Tuatara-Populationen auf Inseln vor der Küste überlebt. Abends kann man hier unter anderem Cookstraßen-Riesenwetas (grillen­ähnliche Insekten, so groß wie eine Maus), Teppiche aus Glühwürmchen auf den Felsen und bis zu 40 einheimische Vogelarten sehen – all das hinter einem 8,6 Kilometer langen Zaun, der fleischfressende Säuger aussperrt.

 

Ein flauschiges Küken

Palmer und Black fahren ans andere Ende des 490 Hektar großen Ohope Scenic Reserve. Sie sind auf dem Weg zu Pouraitis Nest, einem von zwei Kiwis, die Black fördert. Mehrere Nächte haben sie inzwischen mit dem Versuch verbracht, Pouraitis Küken beim Schlüpfen abzupassen. Dazu braucht es viel Geduld und Glück. „Am liebsten warten wir, bis Dad nicht zu Hause ist“, sagt Palmer. „Stecken wir tagsüber unsere Hände in den Bau, laufen wir Gefahr, dass er sein zweites Ei aufgibt.“ Pouraiti trägt einen Sender am Bein, deshalb wissen Black und Palmer genau, wie viel Zeit er auf dem Gelege und außerhalb des Baus verbringt. So können sie auch abschätzen, ob das Küken bald schlüpft. Deshalb, und weil sie fünf Tage zuvor mit einer Taschenlampe auf die Spitze des Eis geleuchtet haben – eine Art provisorische Ultraschallaufnahme –, ist die Suche mit nur geringem Risiko verbunden. Sie machen sich ans Werk. Zu ihrer Erleichterung finden sie ein flauschiges, einen Tag altes Küken vor. Palmer und Black sind beruhigt: Küken Nummer zwei lebt. Sie werden wiederkommen, dem Kleinen einen Namen geben – und neue Geschichten sammeln, mit denen sie Mitmenschen hoffentlich dazu inspirieren können, Neuseelands ums Überleben kämpfende Ikone zu schützen.

 


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