Grüner leben
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Familie & Leben

Grüner leben

Unsere Großstädte werden grüner – und gesünder

Ausgabe: September 2014 Autor: David Thomas

Ein VW-Bus der Gartenbaufirma Simbiosi hält an einer roten Ampel in Barcelona, Spanien. Da saust ein Passant herbei und möchte den VW-Bus fotografieren. "Nur zu", sagt der Fahrer, der daran gewöhnt ist, Aufmerksamkeit zu erregen, wohin er auch kommt. Die Menschen trauen ihren Augen nicht, denn der VW-Bus hat einen Garten auf dem Dach: Erdbeeren, Karotten, Kopfsalat, Minze und Thymian. Als der Simbiosi-Bus eines Tages in der Garage steht, bemerkt der 40-jährige Schöpfer des "Dachgartens" Marc Graß«n etwas Interessantes. Mehr als 15 Bienen flogen über den Thymian und die anderen aromatischen Pflanzen, erinnert er sich später. Bei näherer Betrachtung entdeckt er, dass Marienkäfer und sogar kleine Eidechsen sich in dieser winzigen grünen Oase eingerichtet haben, mitten im Herzen einer hektischen Großstadt.

Bienen gibt es auch im Sphinxpark in Maastricht, Niederlande. Hier wurde eine ausgedehnte Fläche städtischen Brachlandes mit Gras, Büschen und jungen Bäumen bepflanzt. Erwachsene gehen in der Sonne spazieren oder nehmen an Freiluft-Yogakursen teil, während Kinder um sie herum spielen. Und ganz oben auf einem sieben Meter hohen gelben Mast stehen zwei gelbe Bienenstöcke, von wo aus Bienen Pollen und Nektar von den Pflanzen der Umgebung sammeln.

Es ist der Sky Hive ("Bienenkorb im Himmel"), der von den drei Frauen und zwei Männern des Bienen-Kollektivs aufgestellt wurde. Es gibt einen weiteren, ähnlichen Sky Hive in Hasselt, Belgien, und einen dritten in Mailand, Italien. Ein Kollektivmitglied, Robin van Hontem – ein 31-jähriger Grafikdesigner, der sich beim Klettern und beim Gitarrespielen in einer Band entspannt –, erinnert sich lebhaft an den Moment, als er zum ersten Mal den Honig kostete, den die Bienen des Sky Hive produziert hatten.

"Es war großartig! Stadthonig schmeckt ganz anders als der Honig, den man im Supermarkt kauft, wegen der großen Vielfalt der Pflanzen, die in der Stadt wachsen. Der Honig ist ein 100-prozentig natürliches Produkt. Er schmeckte wunderbar und war sehr schnell ausverkauft."

Es gibt auch Bienen auf dem Dach des Cankar Hall Konferenz- und Kulturzentrums in Ljubljana, der Hauptstadt von Slowenien. Die Bienenkörbe sind zwar von Beton umgeben, aber Imker Franc Petrovi sagt, sie seien bemerkenswert produktiv. "Im Durchschnitt ernten wir 8,5 Kilogramm Honig von einem Bienenstock in den Außenbezirken. Aber hier in der Innenstadt sind es 13,5 Kilo."

Der Honig wurde in Bremen in einem unabhängigen Labor daraufhin untersucht, ob er für den Verzehr geeignet ist. Das Ergebnis war ein eindeutiges "Ja". Tatsächlich sind viele sogar der Auffassung, dass Stadthonig reiner ist als der auf dem Land produzierte. Denn letzterer kann Rückstände von Pestiziden, Schwermetallen und gentechnisch veränderten Pflanzen enthalten.

Diese und die folgenden Projekte sind Teil einer Bewegung, die Europa erfasst hat. Mehr und mehr Menschen haben das Bedürfnis, ihren Beitrag zu leisten, um mehr Natur in die Betonwüste der Großstadt zu bringen. Einzelpersonen und kleine Gruppen machen ihre privaten Ideen für einen grüneren Lebensstil publik.

Als junge träumte Marc Graß«n davon, Schauspieler zu werden. Man kann das noch heute erahnen an der Lebendigkeit, mit der er seine Pläne vorstellt: "Ich kann mir ein Leben ohne Pflanzen nicht vorstellen. Sie sind Teil meines Lebens, und ich brauche sie immer in meiner Nähe", schwärmt er.

Also wurde er statt Schauspieler zuerst Gärtner und dann Landschaftskünstler und -architekt. Seine Inspiration findet er in täglichen Waldspaziergängen nahe seiner Wohnung außerhalb des katalanischen Gerona, wo er mit seiner Frau Anna und den Söhnen Arnau (10) und Marti (7) lebt.

2012 sah er ein Bild, das sein Leben veränderte. "Es war eine Luftaufnahme von sehr vielen Bussen in Barcelona, und mir wurde plötzlich bewusst, dass es auf all diesen Fahrzeugdächern eine Menge Platz gab, der verschwendet wurde. Also überlegte ich: 'Kann ich etwas erfinden, was man auf diese Dächer pflanzen kann?' Ich fragte meine Kinder, die meine besten Lehrer sind, um Rat. Wir sammelten Ideen, und Marti zeichnete eine Skizze von einem Bus mit einem Garten auf dem Dach – und das war's."

Graß«n sprach mit Ingenieuren, Biologen und Ökologen, um ein System zu entwickeln, mit dem Pflanzen auf einem Fahrzeug überleben. Das Ergebnis, das er Phyto Kinetic nennt, ist ein Rahmen aus Metall oder Glasfaser, der auf einem Fahrzeugdach sitzt. Dieser wird wasserdicht versiegelt und mit Hydrokultur-Schaum bedeckt, der als Nährboden dient, in dem die Pflanzen wachsen. Darüber wird ein Drahtgeflecht befestigt, das alles festhält – bis zu einer Geschwindigkeit von 120 km/h.

Graß«ns erster Auftrag kam vom Eigentümer eines Campingplatzes. Er unterhielt einen Bus, der für seine Besucher Fahrten zum Strand und wieder zurück anbot. Der Busgarten führte zu weltweitem Interesse, und sein Schöpfer arbeitet aktuell an begrünten Kühlwagen für eine brasilianische Supermarktkette.

Die Installation eines phytokinetischen Systems auf einem Bus oder Lkw kostet 8000 Euro und etwa 3000 Euro für kleinere Pkws und Vans. Graß«n erklärt, dass es gut angelegtes Geld sei. "Mein Kunde Simbiosi in Barcelona hat 10 Prozent mehr Kunden gewonnen, seit er diesen Bus fährt. Die Pflanzen isolieren und kühlen den Innenraum eines Busses oder Lastwagens um 4,5 Grad, was eine Menge Kosten bei Klimatisierung oder Kühlung einspart."

Einen anderen Ansatz verfolgt das Projekt Edible Schoolyard (Essbarer Schulhof) aus den USA. Es versucht, Leben und Bildung der Kinder zu verbessern, indem es Gemüse- und Kräutergärten in ihre Schulen bringt. Inzwischen gibt es solche Projekte auch in Europa – in Irland, Portugal, den Niederlanden, Schweden, Deutschland und Italien.

Darina Allen von der Kochschule und Biofarm Ballymaloe nahe der irischen Stadt Cork arbeitet mit neun- bis elfjährigen Schülern und bringt ihnen bei, Gemüse anzubauen und zu kochen. "Die Schulen haben alle einen Nutzgarten und einen Komposthaufen sowie ein Hühnergehege mit je zwei Hennen", sagt sie.

"Die Kinder brachten Pommes bislang mit einer Gefriertruhe anstatt mit Kartoffeln in Verbindung. Es ist einfach fantastisch zu sehen, wie gern sie sich um ihre Gärten und Hühner kümmern. Und es hat auch Auswirkungen auf ihre Familien."

Es sind nicht nur Kinder, die die Vorzüge des Gärtnerns spüren. In London ist die Neugestaltung eines ehemaligen Rangierbahnhofs in der Nähe der Haltestelle King's Cross angedacht. Dort sollen 50 neue Büro-gebäude und 2000 Wohnungen für 45.000 Menschen auf einem 27 Hektar großen Gelände entstehen. Inmitten dieses gigantischen Baugeländes liegt der Skip Garden (Container-Garten), das geistige Kind des Biogärtners Paul Richens.

Dieser wollte eine friedliche Oase in-mitten von Lärm und Maschinen schaffen. Voraussetzung dafür war jedoch, dass die Gärten beweglich sind, während ein Areal nach dem anderen umgestaltet wird. "So kam ich auf die Idee mit den Abfallcontainern. Die sind beweglich, und sie sind groß genug, um einem kleinen Garten Olatz zu bieten", sagt Richens. Inzwischen hat er sieben Container, die jeweils einen separaten Garten enthalten: Einer beherbergt einen Obstgarten mit Äpfeln, Birnen und Johannisbeeren: in einem anderen wachsen medizinische und Küchenkräuter.

In der Gartenanlage gibt es Kurse für Büroangestellte aus der Umgebung. Richens sagt: "Das Gärtnern schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Manche Menschen erscheinen hier in ihrer Bürokleidung. Sie reden kein Wort und sind scheu. Doch sobald sie in die Erde greifen, reden sie miteinander."

Damit die Pflanzen gedeihen, brauchen sie Insekten, insbesondere Bienen. Das brachte die Mitglieder des Bienen-Kollektivs auf den Plan. "In den letzten Jahren sind viele Bienenvölker gestorben, und der Beruf des Imkers ist zeitaufwendig", sagt Robin van Hontem. "Leider gibt es nicht genug jüngere Leute, die Zeit haben, um Bienen zu züchten. Deshalb machen wir es in einer Gruppe und können so die Verantwortung teilen. Wir wollten Bienen und Imkerei in die Stadt bringen. Dann entdeckten wir einige große Reklameschilder auf Feldern neben einer Autobahn. So war die Idee geboren, Bienen auf einem Mast zu züchten."

Es war wichtig, die Leute zu beruhigen, dass die Bienen sie nicht verletzen würden. "Ja, Bienen können stechen", stimmt van Hontem zu, "aber sie sind sehr friedliche Tiere. Sie stechen nur, wenn man sie stört. Wer weiß, wie man mit ihnen umgehen muss, dem passiert nichts. Zudem tragen wir Schutzkleidung."

Obwohl der Sphinxpark ein zeitlich begrenztes Projekt ist, hat das Bienen-Kollektiv durch einen öffentlichen Spendenaufruf genügend Geld gesammelt, um einen neuen Sky Hive zu bauen, der zwischen 15.000 und 20.000 Euro kostet. "Unser Ziel ist es, den Sky Hive in ganz Europa zu verbreiten. Wir wollen ihn 2015 zur Weltausstellung nach Mailand bringen," sagt van Hontem.

Die natur in der City wird sich im Laufe der nächsten Jahre mehr und mehr ausbreiten. In den übervölkerten Großstädten Asiens wurden farmscrapers (Farm-Wolkenkratzer) gebaut: hohe Gebäude, in denen niemand wohnt oder arbeitet, sondern Pflanzen wachsen.

In Linköping, Schweden, wird derzeit Europas erster Farmscraper errichtet. Rund 55 Meter hoch, wird er 18 Ebenen mit Gemüsegärten beherbergen. Die Pflanzen sollen helfen, übermäßige Hitze, Abfall, CO2 und Wasser zu verwerten, die von anderen städtischen Gebäuden produziert werden.

In Paris plant man eine (natürlich) elegantere Version des Farmscrapers. "Urbanana" ist eine Bananenplantage innerhalb einer filigranen Glasstruktur, die zwischen zwei konventionelle Büro- oder Wohngebäude eingefügt werden soll. Diese senkrechte Plantage würde die Einwohner von Paris mit köstlichen Früchten versorgen – ohne Transportkosten und CO_-Fußabdruck, die entstehen, wenn die Bananen aus der Karibik eingeflogen werden.

Ein weiterer französischer Innovator ist der Botaniker Patrick Blanc. Ihm wird zugeschrieben, den "senkrechten Garten" populär gemacht zu haben. Blanc begrünt Beton-mauern und Gebäudefassaden, indem er alles – von Autobahnbrücken und Einkaufs-zentren bis zu Hotels und Botschaftsgebäuden – in üppige Gärten verwandelt. Seine Oasen kann man in Madrid, New York, Bangkok, Hongkong und Sydney bestaunen.

In Barcelona hat der Architekt Juli Capella (53) an der Scheidemauer, der blinden, fensterlosen Seite eines Bürogebäudes ein Stahlskelett errichtet, das mit Topfpflanzen bestückt wurde. Mit der Zeit sind sie gewachsen und haben sich ausgebreitet, sodass die einst kahle, schmucklose Wand jetzt wie ein lebendiger grüner Wasserfall wirkt. Die Pflanzen reinigen die sie umgebende Luft und isolieren die dahinterliegenden Räume.

"Ich glaube, wir müssen großstädtischen Raum an die Natur zurückgeben", sagt Capella. "Ich finde, es ist ein Verbrechen, als Architekt nicht grün zu sein." Er hat sogar ein neues Wort geprägt für die Art, in der die Städte der Zukunft gebaut werden sollten. Architektur ist nicht mehr genug. Heutzutage, sagt er, brauchen wir "Vegetektur".


 

RD Abbinder
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