Ein neuer Anfang
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Ein neuer Anfang

Alltagspausen bieten uns Gelegenheit, unser Leben neu zu bewerten

Ausgabe: Juni 2010 Autor: Josephine Brouard

Der erste Arbeitstag nach vier Wochen Urlaub. Meine Kollegen staunten, als ich ihnen erzählte, dass ich mir gleich einen ganzen Monat freigenommen hatte. Früher machten das alle so; heute ist es fast schon etwas Außergewöhnliches. Die Leute können es sich genauso wenig vorstellen wie S-Bahn-Fahren ohne MP3 Player. So haben sich die Zeiten geändert. Manche Dinge ändern sich allerdings nie. In der Firma etwa ging es auch ganz gut ohne mich. Zu glauben, ich sei unabkömmlich (was ich nicht tat), hätte bedeutet, mir selbst etwas vorzumachen. Die Arbeit lief normal weiter, und viele meiner Kollegen registrierten kaum, dass ich weg war. Es gibt Momente, da ist es wichtig, dass wir uns vor Augen führen, wie unbedeutend wir im Grunde sind. Diese Woche wurde ich wieder einmal daran erinnert.

Während meine Arbeitskollegen die Stellung hielten, gelang es mir abzuschalten und eine sorgenfreie Zeit zu genießen. Ich hatte meine in aller Welt verstreute Familie eingeladen, um ihr meine Stadt zu zeigen. Mein Vater, meine Schwester und meine Nichte waren aus verschiedenen Kontinenten angereist. Wir verbrachten vier angenehme Wochen. Als gegen Ende des gemeinsamen Urlaubs der Alltag wieder näher rückte, fühlten wir uns durch die Menge neuer Eindrücke und die Zeit im warmen Schoß der Familie, die vielen das Wichtigste im Leben ist, für neue Herausforderungen gewappnet. Jeder von uns hatte das Gefühl, etwas Besonderes gewonnen zu haben. Im Gegensatz zu einem teuren Schmuckstück oder einem schicken Auto besaß dieser Monat einen ideellen Wert, der Außenstehenden schwer zu vermitteln ist.

Diese Einsicht verhalf mir zu einer weiteren: Oft nämlich ist unser Blick so stark auf uns selbst gerichtet, dass wir vieles von dem übersehen, was um uns herum passiert. Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, fällt es uns schwer zu begreifen, dass die Welt sich trotzdem weiter dreht. Dass auch ich zu viel erwartet hatte, wurde mir (zum Glück auf weniger schmerzliche Weise) bewusst, als ich nach meiner vierwöchigen Pause mit einem neuen Gefühl ins Büro zurückkehrte, wo alles beim Alten geblieben war. Davon erzählte ich meinem Vater, als wir nach dem Urlaub miteinander telefonierten. Er hatte ähnliche Erfahrungen gemacht, und das brachte uns zum Lachen. „Ebenso gut hätte ich aus Timbuktu oder der Antarktis zurückkommen können“, stellte er fest, während ich zustimmend nickte. „Da siehst du mal wieder, dass es nichts bringt, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was andere über einen denken. Jeder sollte sein Leben nach seinen Vorstellungen leben.“

Seine Worte erinnerten mich an einen Vorsatz, den ich vor Jahren in einer Phase großer Niedergeschlagenheit gefasst hatte. Damals war ich ständig darum bemüht gewesen, bei allen einen guten Eindruck zu hinterlassen. Bis ich irgendwann begriff, dass die meisten Leute viel zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt sind, um sich ein Urteil über mich zu bilden. Seitdem betrachte ich mein Leben als eine Art Privatfilm, den sich außer ein paar eingefleischten Fans sowieso niemand anschaut. Ein Befreiungsschlag! Als Heldin meines Films, den kaum jemand sieht, darf ich tun, was ich will. Der Alltag hat mich wieder. Zum Abschied schenkte mein Vater mir noch ein Büchlein mit Sprüchen und Zitaten. Besonders gefällt uns beiden eine buddhistische Weisheit, die dem Leser rät, „in die richtige Richtung zu gehen“ und „nicht stehen zu bleiben“. Das mag vielleicht nicht zum Kinohit taugen. Aber mir genügt es.

 


 

RD Abbinder
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