Sprich mit mir! Wie mobile Telefone unser Kommunikationsverhalten verändern
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Sprich mit mir! Wie mobile Telefone unser Kommunikationsverhalten verändern

Weniger Textnachrichten und mehr Gespräche sind gut für Ihre Beziehungen und Ihre emotionale Gesundheit...

Ausgabe: März 2018 Autor: Lisa Fields

Wenn mich früher Verwandte übers Wochenende besuchten, begann für mich der schönste Teil, nachdem die Kinder im Bett waren. Dann schenkten wir uns Wein ein und plauderten oft bis nach Mitternacht, lachten und tauschten Neuigkeiten aus. Heute ist das anders. Der erste Erwachsene, der ins Wohnzimmer kommt, nachdem er die Kinder ins Bett gebracht hat, greift nicht mehr zum Weinglas, sondern nach seinem Handy. „Nur so lange, bis die anderen hier sind“, denkt er sich. Nach einer Weile finden sich alle wieder ein und setzen sich aufs Sofa. Aber die Heiterkeit von damals wurde abgelöst von einer unangenehmen Stille, während jeder seine Nachrichten abruft. Schließlich gießen wir Wein ein und unterhalten uns, doch jeder behält sein Handy im Blick. Häufig unterbricht ein Signalton unser Gespräch, weil anderswo jemand etwas (Besseres?) zu sagen hat. Dann denke ich wehmütig an die Zeit zurück, als wir einander ungeteilte Aufmerksamkeit schenkten. Ich bin nicht die Einzige, die so fühlt.

In Europa gibt es sogar mehr Handyverträge als Einwohner.

Die Hälfte der Erdbevölkerung besitzt inzwischen ein Smartphone. In Europa gibt es sogar mehr Handyverträge als Einwohnerdie Geräte sind allgegenwärtig. Menschen, die anspruchsvolle Gespräche schätzen, haben sich längst damit abgefunden, dass ihre Mitmenschen anscheinend lieber auf ihr Smartphone starren, als sich auf uns zu konzentrieren. Da ihre kurze Aufmerksamkeits-Spanne schnell belohnt werden will, suchen sie ständig nach neuer Ablenkung. Gespräche von Angesicht zu Angesicht, bei denen auch einmal Pausen eintreten, sind nicht so unterhaltsam wie Handys, die ständig Neuigkeiten bieten. Darunter leiden Beziehungen. „Smartphones sind zu einer Art Schutzmechanismus geworden. Sobald für einen Moment Langeweile droht, greifen die Leute nach ihren Handys“, sagt Daria Kuss, Dozentin im Fachbereich Psychologie an der britischen Nottingham Trent University, die sich mit der Nutzung von Mobiltelefonen befasst. „In den vergangenen 15 Jahren ist dieses Verhalten völlig normal geworden.“

Ständige Ablenkung

Handys bieten unablässig Einblicke in interessante Dinge, da können Menschen nicht mithalten. „Mobiltelefone kommunizieren selbst“, erläutert Oliver Bilke-Hentsch, ein in Zürich ansässiger Psychiater und Psychotherapeut, der Internetsucht erforscht. „Ein Gerät funktioniert auch ohne Anruf, es generiert selbst neue Informationen, und Sie müssen nur noch auf den Bildschirm schauen.“ Nicole Gommers, 38, aus Den Haag hat es satt, mit einem Smartphone um die Aufmerksamkeit ihres Partners buhlen zu müssen. „Es ist kaum möglich, mit ihm zu reden, weil ihn das Handy ständig ablenkt“, erzählt sie. „Wenn ich ihn etwas frage, antwortet er zwar, aber ich merke, dass er in Gedanken woanders ist. Ständig schickt ihm jemand eine Nachricht, die er beantwortet. Das bedeutet natürlich das Ende unseres Gesprächs.“ Junge Menschen benutzen Smartphones in Gesellschaft häufiger als Ältere, weil sie mit dieser Technologie aufgewachsen sind. Sie sitzen auch mit größerer Wahrscheinlichkeit schweigend mit Gleichaltrigen zusammen, und jeder starrt auf sein Handy. Dieses Verhalten hat die Kommunikationsfähigkeit einer gesamten Generation beeinflusst. „Junge Menschen empfinden es als sehr schwer zu lernen, mit anderen Personen zu reden und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, ohne über ein Smartphone zu agieren“, berichtet Kuss. „Teilweise haben sie Schwierigkeiten, Gespräche im echten Leben zu führen, Kontakte zu Mitmenschen zu knüpfen oder ein tief gehendes, sinnvolles Gespräch zu führen.“

Stille Macht

Sogar unbenutzt beeinflussen Mobiltelefone unsere Gespräche. Ein auf dem Tisch liegendes Handy wirkt sich auf die Qualität einer Unterhaltung aus. Diese nimmt deutlich ab, bestätigen Forscher. „Befand sich das Telefon in Sichtweite eines oder beider Gesprächspartner, berichteten die Teilnehmer unserer Studie von einer niedrigeren Gesprächsqualität und weniger Einfühlungsvermögen.“ Das berichtet Shalini Misra, Verfasserin der Studie und Juniorprofessorin im Fachbereich Urban Affairs (Stadtforschung) an der US-amerikanischen Virginia Tech University. „Sichtbar platzierte Smartphones können Menschen von ihrem direkten Umfeld ablenken.“ Da den Probanden bewusst war, dass sie unterbrochen werden könnten, redeten sie seltener über Gefühle oder Probleme und tendierten eher zu oberflächlichem Small Talk.

Kein ernsthaftes Gespräch, wenn das Handy daneben liegt

„Ernsthafte Gespräche bedürfen aufmerksamer Partner“, erklärt Misra. „Wir müssen auf Worte, Tonfall und Pausen hören, auf Gesichtsausdruck und Gesten achten. Zudem müssen wir über das Gehörte nachdenken, um zu verstehen, was es bedeutet und um angemessen zu reagieren. Das ist eine komplexe Aufgabe, die zahlreiche kognitive Ressourcen erfordert. Ist unsere Aufmerksamkeit aber geteilt, leiden kognitive Fähigkeiten darunter, dazu gehört das Führen eines Gesprächs. Die Präsenz des Telefons verleitet uns dazu, mit unseren Gedanken abzuschweifen.“

Negativer Einfluss auf das Mitgefühl

Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass Studenten im Jahr 2009 weniger empathisch waren als Studenten 30 Jahre zuvor. Als Gründe für dieses Defizit erwogen die Wissenschaftler unter anderem die Auswirkungen von Technologie und sozialen Medien, ohne jedoch aus den Ursachen Schlüsse zu ziehen. „Ich weiß nicht, ob es derzeit Belege dafür gibt, dass Handys oder soziale Medien für den Verlust von Empathie verantwortlich sind“, erklärt die Verfasserin der Studie, Sara Konrath, Juniorprofessorin für Philanthropie an der US-amerikanischen Indiana University. „Wahrscheinlich gibt es mehrere Gründe wie beispielsweise die veränderten familiären oder politischen Verhältnisse.“ Bei weiteren Untersuchungen stellte Konrath fest, dass junge Erwachsene die geringsten Empathiewerte besaßen. Frauen im mittleren Alter besaßen die höchsten, weil sie möglicherweise mehr Gelegenheiten haben, ihre „Empathiemuskeln“ zu trainieren. Zum Beispiel bei der Kinderbetreuung, der Pflege der Eltern oder im Umgang mit jüngeren Kollegen. Glücklicherweise, so Konrath, lasse sich die Empathie aber steigern. „Wir haben gelernt, im persönlichen Kontakt zu reagieren – unsere Vorfahren besaßen keine Handys“, erklärt Konrath. „Empathie trainiert man am besten in persönlichen Begegnungen. Dabei nimmt man Gesichtsausdruck und Tonfall wahr. Signale zeigen, wie sich die andere Person fühlt, und man kann sich besser darauf einstellen.“

Suchtverhalten

Wie sehr Mobiltelefone ablenken, zeigt sich auch bei der Arbeit. Fabien Guasco, 43, aus Saint-Pathus in Frankreich frustriert es, wenn seine Besprechung dadurch gestört wird. „Viele hören nicht zu, sondern konzentrieren sich auf ihre E-Mail-Postfächer oder ihre Smartphones“, sagt Guasco. „Deshalb höre ich auf zu reden, sobald ein Mitarbeiter auf seinem Gerät herumtippt. Das funktioniert, danach hören sie wieder zu.“ Forscher fanden heraus, dass die Geräte das Suchtverhalten fördern. „Jedes Mal, wenn Sie in einem sozialen Netzwerk eine positive Bewertung bekommen oder bei einem Spiel gewinnen“, so Bilke-Hentsch, „erhält Ihr Belohnungszentrum im Gehirn eine kleine Dopamin-Injektion. Das ist wie beim Rauchen einer Zigarette oder beim Naschen. Vielleicht bekommen betroffene Personen von ihren Partnern keine solche Belohnung.“

 

Lösungsvorschläge

Wollen Sie, dass Ihr Partner sein Smartphone seltener benutzt? Dann probieren Sie es einmal mit unseren Tipps:

 

  • Sagen Sie klar, was Sie möchten.
    Führen Sie genau aus, was Sie sich wünschen: Kein Handy bei den Mahlzeiten oder keine Beantwortung von Textnachrichten während einer Unterhaltung. Bleiben Sie dabei ruhig, und verzichten Sie auf Vorwürfe oder Schuldzuweisungen. „Sagen Sie etwa: ‚Ich würde gern mehr Zeit mit dir verbringen‘, statt: ‚Du hängst die ganze Zeit nur am Smartphone“‘, rät Kuss.

  • Bitten Sie Ihren Partner, das Handy stumm zu schalten.
    Er oder sie schaut aufs Handy, weil es dazu auffordert, wenn etwas in sozialen Netzwerken passiert. Bitten Sie Ihren Partner, die Meldungen zu deaktivieren. „Studien belegen, dass solche Benachrichtigungen dazu führen, sein Handy häufiger zu nutzen“, sagt Joël Billieux, Dozent im Fachbereich Klinische Psychologie an der Universität Luxemburg. Er erforscht die süchtig machende Wirkung von Informations- und Kommunikationstechnologien.

  • Packen Sie das Handy weg.
    Bitten Sie Ihren Partner, das Handy nicht auf den Tisch zu legen. „Denn es ist präsent, sobald man es sehen kann. Außerdem hat Ihr Gesprächspartner nicht mehr Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit“, so Misra. „Aus den Augen“ könnte in diesem Fall „aus dem Sinn“ bedeuten.

  • Verweisen Sie auf die Benutzerstatistik.
    Ihrem Partner ist vielleicht gar nicht bewusst, wie viel Zeit er mit seinem Handy verbringt. Das Gerät verzeichnet genau, wie lange man sich mit jeder App beschäftigt. Bitten Sie ihn doch, diese Zahlen einmal anzusehen. „Das verdeutlicht, wie viel Zeit man am Handy verbringt. Vielleicht schränkt das die Nutzungsdauer ein“, empfiehlt Kuss.

  • Verschenken Sie eine Uhr.
    Ein Blick darauf genügt, um zu sehen, ob es Zeit ist fürs Abendessen. „Eine neue Studie belegt, dass Leute, die eine Uhr trugen, seltener auf ihr Smartphone blickten“, so Joël Billieux.

 


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