Ein frisch verheiratetes Paar tritt aus der Kirche. Die Hochzeitsgäste lassen Konfetti und Blütenblätter auf sie herabregnen.
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Familie & Leben

Umfrage: Heiraten liegt im Trend

Heiraten ist so angesagt wie schon lange nicht mehr. Das zeigen die Ergebnisse einer exklusiven Umfrage im Auftrag von Reader’s Digest.

Ausgabe: Mai 2020 Autor: Christiane Kolb

Das Hinfiebern auf den schönsten Tag im Leben – 15 Jahre nach ihrer eigenen Hochzeit hat es Anna aus Hamburg letzten Sommer noch einmal miterlebt und gestaunt. „Meine junge Arbeitskollegin hat geheiratet, und wie! Ein Jahr lief die Planung. Um das Brautkleid zu kaufen, flog sie sogar nach Mailand“, erzählt die 47-Jährige.

 

Die Ehe bleibt das Ideal

Egal wie opulent oder bescheiden die Hochzeit gefeiert wird: Die Ehe ist in. Das zeigen die Ergebnisse einer von Reader’s Digest in Auftrag gegebenen Umfrage. Das Meinungsforschungsinstitut Kantar befragte 1006 repräsentativ ausgewählte Personen in Deutschland rund ums Thema Ehe. „Ja, es ist noch zeitgemäß zu heiraten“, meinen demnach 74 Prozent der Menschen in Deutschland. Damit ist die Zustimmung zur Institution der Ehe in den letzten Jahren sogar gestiegen! Vor acht Jahren stellte Reader’s Digest diese Frage schon einmal, damals stimmten 71 Prozent dieser Aussage zu.

Da überrascht der Blick auf die Statistik nicht. 2018 schlossen in Deutschland rund 450.000 Paare und gut 46.000 in Österreich den Bund fürs Leben – Höchststand seit etwa drei Jahrzehnten. „Partnerschaft und Ehe stehen hoch im Kurs und gehören für die meisten Menschen ganz prinzipiell zu einem guten Leben“, erklärt Michaela Kreyenfeld, Professorin für Soziologie an der Hertie School in Berlin, die zu Familie und Partnerschaft forscht. Auch die Aussichten für die Frischvermählten sind wieder rosiger: Die Scheidungsquote in Deutschland ist nach einem Maximum von 52 Prozent im Jahr 2005 auf 33 Prozent im Jahr 2018 gesunken. Kreyenfeld führt die sinkende Quote auf das Alter der Heiratswilligen zurück, das in den letzten 30 Jahren um mehr als sechs Jahre gestiegen ist. Frauen heiraten heute im Schnitt mit 32 Jahren, Männer mit fast 35 Jahren das erste Mal. „Die Heirat wird im Lebenslauf aufgeschoben, aus beruflichen wie privaten Gründen“, erläutert die Expertin. „Dabei wird genauer hingeschaut und geprüft, bis es passt. Wenn es dann so weit ist, sind die Partner reifer, die Partnerschaft ist wohlüberlegt – das macht die Ehen haltbarer.“
Jedoch: Nicht alle Befragten sind so optimistisch. Die 40- bis 49-Jährigen stehen dem Versprechen „für immer und ewig“ von allen Altersgruppen am skeptischsten gegenüber. „Dies ist das typische Scheidungsalter. Sicher sehen einige die Sache aufgrund ihrer Erfahrung des Scheiterns anders“, sagt Kreyenfeld. So lehnen denn auch 53 Prozent der Geschiedenen die Heirat als nicht mehr zeitgemäß ab.

 

Die Liebe ist Trumpf

Wir heiraten, weil wir uns lieben, und weil alle Welt wissen soll, dass wir zusammengehören. Dies sind zu Beginn der 2020er die beiden wichtigsten Gründe, sich – buchstäblich – zu trauen: 77 Prozent der Menschen in Deutschland sind überzeugt, dass Paare heiraten, um sich ihre Liebe zu beweisen. 72 Prozent sind der Meinung, Paare möchten darüber hinaus zeigen, dass sie zusammengehören. Die meisten Menschen sehen aber auch pragmatische Motive am Werk: 69 Prozent glauben, dass die gegenseitige finanzielle Absicherung eine große Rolle spielt, wenn Paare heiraten. 67 Prozent meinen, diese wollen sich steuerliche Vorteile sichern. Expertin Kreyenfeld verweist auf die einschlägigen staatlichen Regeln. „Verheiratete Paare sind beispielsweise im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung abgesichert“, erklärt sie. „Auch im Steuerrecht ist ein finanzieller Anreiz vorhanden und wird genutzt. Interessant ist, wie offen die Befragten das aussprechen.“

Welche Motive im Vordergrund stehen, hängt vor allem am Alter. Für die jüngsten Befragten, die 14- bis 30-Jährigen, zählen in erster Linie Gefühle. Nicht so bei den 30- bis 39-Jährigen: Für sie wiegen die Absicherung des Partners und die Steuerersparnis gleich schwer wie die Liebe. „In diesem Alter wird ja heute geheiratet. Dann geht es bei vielen konkret um das Einkommen nach Steuern und Sicherheiten wie Erbansprüche und Hinterbliebenenrente“, sagt Kreyenfeld. Die Befragten ab 60 Jahren hingegen haben einen ganz anderen Beweg­grund im Blick: 75 Prozent von ihnen sagen, Paare heiraten, um eine Familie zu gründen – Spitzenwert in allen Altersgruppen. „Vor allem die Ältesten sind sicher noch geprägt von der Zeit, in der Familienplanung und Heirat zusammengehörten, in der man Kinder erst nach der Hochzeit planen durfte und gezwungen war zu heiraten, wenn sich eines ankündigte“, erklärt die Expertin.



Woran das Glück zerbricht

Zwar sinken die Scheidungsraten, doch nicht für alle Paare dauert das Eheglück ein Leben lang. Die größte Bedrohung einer Ehe liegt für 38 Prozent der Befragten immer noch in der Untreue eines Partners. Zerstörerischer als früher empfinden die Menschen die Entfremdung vom Partner: Für 35 Prozent ist sie, was Ehen am meisten bedroht. „Paare stecken heute in schwierigen Aushandlungsprozessen, insbesondere wenn sie Eltern sind“, erläutert die Soziologin. „Wer bringt die Kinder zur Kita, wer macht was im Haushalt, wer steckt beruflich zurück? Entfremdung ist häufig das Resultat ungelöster Konflikte zwischen den Partnern.“
Den Streit um die Finanzen hält knapp jeder Fünfte für besonders gefährlich. Allerdings: 30 Prozent der Befragten zwischen 40 und 49 Jahren setzen ihn auf Platz eins. „Das ist eine Zeit im Leben, in der die Schere zwischen Ausgaben und Einkünften auseinandergeht und das Geld wegen Kindern oder einer Immobilie knapp wird“, meint Kreyenfeld. „Tatsächlich wissen wir, dass vor allem finanzielle Nöte, auch Arbeitslosigkeit, die Ehe destabilisieren.“

 

Kirchliche Trauung? Ja, bitte

44 Prozent ist die kirchliche Trauung als Tradition wichtig, 27 Prozent aus religiösen Gründen. Lediglich 23 Prozent der Befragten halten sie für veraltet oder unnötig. Dennoch: Die Zahl der Trauungsgottesdienste sinkt. Befragte unter 40 Jahren stehen der kirchlichen Trauung positiv gegenüber. Die Älteren sind skeptischer.

 

Muss-Ehen? Nein, danke

Nur 35 Prozent der Menschen in Deutschland sagen, Paare sollten heiraten, bevor sie Kinder bekommen. Im Osten sind sogar nur 28 Prozent dieser Meinung. Inzwischen hat jedes dritte Neugeborene unverheiratete Eltern, wobei der Anteil außerehelicher Geburten im Osten der Republik etwa doppelt so hoch liegt wie im Westen.
„Die bis heute höhere Quote lediger Mütter im Osten ist auch die späte Folge einer gesetzlichen Regelung“, erklärt Expertin Kreyenfeld. „Die DDR führte in den 1970er-Jahren ein Babyjahr nur für unverheiratete Mütter ein, worauf deren Zahl in die Höhe schoss. Kurioserweise sank sie weder, als das Jahr längst für alle Mütter galt, noch nach der Wende.“ Die Gesellschaft hat sich bewegt und der Staat hat nachgezogen, meint Expertin Kreyenfeld: „Durch die Reform des Kindschaftsrechts im Jahr 1998 haben sich die Bedingungen für nicht­eheliche Kinder verbessert. Das Stigma ist weg, und es gibt kaum Nachteile.“

 

Privilegien auf dem Prüfstand

Anders sieht es bei den Gesetzen rund um die Ehe aus. Unverbrüchlich hält der Staat an der Besserstellung der Gemeinschaft mit Trauschein fest. Verheiratete Paare zahlen dank gemeinsamen Sparerfreibeträgen, Ehegattensplitting und des sogenannten Verlustausgleichs weniger Steuern als unverheiratete Paare. In der Bevölkerung wächst die Skepsis gegenüber dieser Vorzugsbehandlung: Nur noch 48 Prozent der Befragten sprechen sich für die rechtliche Besserstellung der Ehe aus. Mittlerweile sind 46 Prozent dagegen. Vor acht Jahren wollten noch 52 Prozent die Ehe bessergestellt sehen. „Als der Gesetzgeber die Vorteile einführte, wurden Ehe und Familie praktisch als eins gedacht, Schutz und Vorteile der Ehe galten automatisch den Kindern“, kommentiert Professorin Kreyenfeld.

Heute sieht das Zusammenleben vielfältiger aus: Paare heiraten und bleiben (gewollt) kinderlos. Gleichzeitig wachsen immer mehr Kinder bei Eltern ohne Trauschein auf. Die Ergebnisse unserer Umfragen zeigen: Die Bevölkerung bezweifelt zunehmend, dass Ehepaare Privilegien genießen sollten, die unverheirateten Eltern verschlossen bleiben. Zugleich machen die Zahlen Hoffnung, weil so viele die Liebe und das Jawort von zwei Menschen wertschätzen, sogar die Tradition der kirchlichen Trauung hochhalten möchten. Dass nichts davon von gestern ist, wäre schon ein Grund zum Feiern. Wer weiß, vielleicht flattert ja die nächste Einladung für ein rauschendes Hochzeitsfest bald ins Haus. Die Chancen stehen gut.

 

 


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