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Junge Radfahrer radeln lachend über eine Brücke. Radfahren liegt wieder voll im Trend.
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Ausgabe

Familie & Leben

Voll im Trend: Radfahren

Die Corona-Pandemie hat auch einen positiven Effekt: Millionen Menschen entdecken das Radfahren neu.

Ausgabe: Juni 2021 Autor: Susannah Hickling

"Fahrrad fahren ist kinderleicht“, sagt Tanja Jamnik. „Wenn ich auf dem Rad sitze, fühle ich mich frei. Ich kann fahren, wohin ich will – in die Berge oder einfach nur durchs Dorf.“ Die 57 Jahre alte Buchhalterin aus Kranj (Krainburg) in Slowenien versucht, im Sommer mehrmals pro Woche aufs Land zu fahren. „Ich fahre gern über die Hügel, weil ich die Aussicht von dort oben genieße“, erklärt sie. Jamnik ist davon überzeugt, dass Radeln gesund ist. „Radfahren tut dem ganzen Körper gut. Vor drei Jahren wurde ich am Knie operiert und der Arzt sagte mir, dass Radfahren gut für die Knie ist.“ Auch die Seele profitiert davon. „Wenn ich allein unterwegs bin, schalte ich die Gedanken einfach aus, und alles Schlechte ist wie weggeblasen. Und wenn ich mit einer Freundin fahre, unterhalten wir uns so viel, dass es wie eine Therapie wirkt.“
Für den aktuellen Boom dieser Freizeitaktivität sieht Tanja Jamnik zwei Gründe. Der erste war der große Erfolg Sloweniens im Jahr 2020 bei der Tour de France. Der zweite Faktor ist die Corona-Pandemie. Als 2020 die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr fuhren und Schulen, Sporteinrichtungen, Restaurants sowie Läden geschlossen wurden, entdeckten zahlreiche Slowenen das Radfahren (wieder). „Mein Sohn arbeitete in einem Fahrradgeschäft, und dessen Absatz stieg um 30 Prozent“, erzählt Jamnik. „Anfang Juli waren die Mountain- und Trekkingbikes in Slowenien fast ausverkauft.“


Hier ist Fahrradfahren "in"

Tanja und Andrej Jamnik unternehmen häufig Radtouren durch ihre Heimat, und in den meisten Jahren machten sie auch Fahrradurlaub im Ausland. Gern erinnern sie sich an ihre Fahrradtour durch Frankreich und Spanien, entlang der Pyrenäen vom Mittelmeer bis zum Atlantik. Innerhalb von zehn Tagen überwanden sie 28 Gebirgspässe. Sie hofft, dass sie sich anderen Fahrradpendlern anschließen kann, wenn sie ihre neue Arbeitsstelle in der etwa 20 Kilometer entfernten Hauptstadt Ljubljana antritt. Mit einem 300 Kilometer langen Netz aus Radwegen sowie Reparaturstellen ist Ljubljana eine der fahrradfreundlichsten Städte der Welt. Die vier Verkehrszählstellen zeichnen pro Jahr mehr als drei Millionen Fahrten auf. „Radfahren ist hier echt in“, sagt Jamnik.
Tatsächlich hat das Radfahren in ganz Europa einen phänomenalen Schub bekommen. In vielen euro­päischen Ländern, darunter Deutschland, die Niederlande, Ungarn und die skandinavischen Länder, wurden Fahrräder schon vorher häufig genutzt, aber die Zahl der Radfahrer schießt überall auf dem Kontinent in die Höhe. Die Leute steigen wegen ihrer Fitness und fürs Freizeitvergnügen aufs Rad oder fahren damit zur Arbeit. Viele wurden durch die Corona-Pandemie förmlich aufs Fahrrad gezwungen, weil es eine der wenigen Möglichkeiten ist, unter Einhaltung der Abstandsregeln zur Arbeit zu gelangen oder sich auf wenig befahrenen Straßen fit zu halten. In Finnland etwa nahmen die Fahrradverkäufe 2020 um 34 Prozent zu, in Frankreich explodiert 2021 die Popularität des Radfahrens geradezu. „Seit etwa einem Jahr finden die Fahrräder reißenden Absatz“, sagt Olivier Schneider vom französischen Radsportverband.


Radfahren in Großbritannien

Emma Rawlinson, 37, aus Lancashire in Großbritannien, kam ebenfalls während der Pandemie zum Radfahren. Im Frühjahr 2020 musste sie von zu Hause aus arbeiten, und ihre beiden Kinder, Harris, 4, und Rosa, 3, konnten nicht in den Kindergarten. Deshalb unternahm die Mutter häufig Radausflüge mit den Kindern. „Ohne den Lockdown hätte ich nicht so viel Zeit mit ihnen verbringen können“, erläutert Rawlinson, die eine kleine PR-Agentur betreibt. „Mir wurde dabei klar, wie viele Kurzstrecken wir früher unnötigerweise mit dem Auto zurücklegten.“ Beim Radfahren nimmt die Familie ihre Umgebung viel intensiver wahr. „Ich frage die Kinder zum Beispiel: ‚Seht ihr die Pferde dort auf der Wiese?‘ oder: ‚Merkt ihr, dass die Blätter bunt werden?‘“, berichtet Rawlinson. Die Familie nutzt die kleinen Landstraßen, die ihre Gemeinde für motorisierte Fahrzeuge gesperrt hat. Während des Lockdowns wurde dort eine Kampagne zum Umstieg aufs Fahrrad ins Leben gerufen. Die britische Regierung fördert das Radfahren und bietet beispielsweise Gutscheine über 50 Pfund (etwa 57 Euro) Zuschuss für Fahrradreparaturen an.
Heute fahren die Rawlinsons täglich mit dem Rad zur Schule und zum Kindergarten. „So können wir unter der Autobahn durchfahren und es dauert nur drei bis fünf Minuten. Mit dem Auto müssen wir die Autobahn umfahren und brauchen oft 20 Minuten.“ Für Emma Rawlinson bringt das Radfahren noch mehr Positives. „Ich fühle mich wirklich viel jünger. Als der Lockdown ein wenig gelockert wurde, fuhr ich zu Kurzbesuchen bei meinen Freundinnen mit dem Rad von Tür zu Tür.“ Rawlinson würde sich über ein besser ausgebautes Netz von Rad- und Fußwegen freuen. „Wenn die Leute wüssten, dass sie nicht auf der Straße fahren müssen, sondern auf eigenen Wegen, dann würden sie sich wohl eher aufs Fahrrad wagen.“



Fahrrad fahren in Paris

Paris bietet Radfahrern eine deutlich bessere Infra­struktur als viele andere Großstädte. In dem Bestreben, den Autoverkehr und die Luftverschmutzung zu verringern, ließ Bürgermeisterin Anne Hidalgo Hunderte Kilometer an neuen Radwegen anlegen. Sie werden dort scherzhaft coronapistes genannt und auf vielen von ihnen sind die Radfahrer vom Autoverkehr räumlich getrennt. Studien zufolge stieg die Fahrradnutzung in Paris seit dem Frühjahr 2020 um beinahe 70 Prozent. Die Regierung bietet ihren Bürgern in ganz Frankreich eine Preisreduzierung um 50 Euro bei Fahrradreparaturen oder eine kostenlose Fahrstunde für Wiedereinsteiger. Die meisten Radfahrer in der französischen Hauptstadt sind Pendler und werden vélotafeurs genannt. Christoph Marquis ist einer von ihnen. „Paris hat eine gute Infrastruktur, aber es gibt leider viele Idioten“, sagt der 56-jährige Flugzeugtechniker, der im Vorort Le Raincy lebt, rund 17 Kilo­meter nordöstlich der Innenstadt von Paris. Er fährt sowohl ins Zentrum als auch die 20 Kilometer zu seinem Arbeitsplatz am Flughafen Charles de Gaulle mit dem Fahrrad. „Es gibt Probleme zwischen Rad- und Autofahrern, aber auch unter den Radfahrern“, sagt er. „In Paris ist Letzteres sehr häufig. Ich glaube, es gibt sehr viele Anfänger, die vorher immer mit dem Auto fuhren. Ein Fahrrad hat kein Kennzeichen, daher machen sie mit ihrer neu gewonnenen Freiheit einfach alles, was sie wollen.“  
Auf dem Weg durch die Vororte zur Arbeit begegnet Marquis noch ganz anderen Herausforderungen, denn dort wurde die Verkehrsinfrastruktur vor allem für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor gebaut. „Manchmal muss ich auf Straßen, auf denen die Autos und Lastwagen nur so dahinbrausen, schnell die Spur wechseln. Das ist unpraktisch und oft auch ziemlich eng, sodass mich die Autos und Laster sehr dicht überholen.“
Trotzdem nutzt er sein Auto nur selten. „Es ist teurer, weniger umwelt­freundlich. Es macht dick und ist nicht so gut für die Gesundheit“, sagt der Techniker. „Mit dem Fahrrad habe ich keine Parkplatzprobleme.“ Und er empfindet ein leises Gefühl der Befriedigung, wenn er an Staus vorbeizieht. „Ich winke dann den Auto­fahrern zu“, sagt Marquis lachend.


E-Bikes sind in Europa voll im Trend


Die Europäer nehmen auch E-Bikes begeistert an: Der Absatz dürfte von 3,7 Millionen verkauften Exem­plaren im Jahr 2019 auf 17 Millionen im Jahr 2030 steigen. Die Fahrräder mit Elektrohilfsmotor, auch „Pedelecs“ genannt, gelten vor allem als Mobilmacher für Senioren. So wie für Charly Kumfert, 65, aus Stuttgart. Als er 2018 in Altersteilzeit ging, verkaufte er seinen Zweitwagen und legte sich ein E-Bike zu. Heute, im Ruhestand, fährt er mit seinem Pedelec mindestens dreimal pro Woche zum Einkaufen, zu seinem Schrebergarten oder auf einen Kaffee zu seinem Bruder. „Ich bin definitiv besser in Form“, sagt Kumfert, der durchschnittlich Strecken von zehn Kilometern Länge zurücklegt. „Zu unserem Garten geht es eine lange Treppe runter und auf dem Heimweg wieder hoch. Früher war ich danach oft außer Atem. Heute schaffe ich das problemlos“, erklärt er. Studien zeigen, dass E-Bikes die Fitness ebenso fördern können wie die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems.
Deutschland ist Europas größter Absatz­markt für Pedelecs. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 25 km/h und man braucht für sie – anders als für die schnellen Speed- oder S-Pedelecs, die in eine andere Fahrzeugklasse gehören – weder einen Führerschein noch Kennzeichen, Versicherung oder einen Helm. Sicherheitshalber trägt Charly Kumfert trotzdem einen. Zwischen den Fahrern von E-Bikes und normalen Fahrrädern herrscht ein gewisser Wettbewerb. „Neulich zog ich an einer kleinen Steigung an einem Rennradfahrer vorbei“, berichtet Kumfert. „Für mich war es natürlich leichter, weil mich der Motor unterstützt, aber dieser Radfahrer nahm die Sache anscheinend persönlich. Er strengte sich daraufhin so sehr an, dass er mich wieder überholte. Ich ließ ihn vorausfahren. Wenn’s ihn glücklich macht …“
Wenn man sich allerdings zu sehr auf den Motor verlässt und nicht genug in die Pedale tritt, kann man auch liegen bleiben, wie Yolande Haubert feststellen musste. Vor einigen Jahren tauschte die 73-Jährige aus der Nähe von Bordeaux ihr normales Fahrrad gegen ein E-Bike ein, damit sie mit ihrem Partner Jean-Bernard Elie, 68, einem begeisterten Radfahrer, mithalten konnte. „Ich hatte vorher ein gutes Trekkingrad, aber ich bin nicht so sportlich und kam nicht so schnell vor­an wie er“, erklärt Haubert. Auf ihrer ersten Tour mit dem neuen E-Bike nutzte sie die volle Motorunterstützung, damit ihr schwer beladenes E-Bike einige längere Steigungen bewältigen konnte. „Zehn Kilometer vor dem Ort, wo wir übernachten wollten, war die Batterie leer“, erinnert sich Elie. „Yolande kam ohne den Elektromotor nicht voran, weil das Rad so schwer ist, also mussten wir drei oder vier Stunden bei einer Bar Pause machen und die Batterie wieder aufladen.“
Ob konventionelles Fahrrad oder Pedelec – die Freuden des Radfahrens stehen heute allen offen. Wie Emma Rawlison sagt: „Es gibt keinen besseren Zeitpunkt, um damit anzufangen. Alles, was man braucht, sind ein Fahrrad und ein Helm.“


So Radeln Sie sicher

Obwohl die Infrastruktur für Rad­fahrer immer besser wird, gehören sie immer noch zu den am stärksten gefährdeten Verkehrsteilnehmern: In der EU gibt es etwa 2000 tödliche Fahrradunfälle pro Jahr. Mit den folgenden Tipps fahren Sie sicherer.

  • Tragen Sie einen passenden Helm und gut sichtbare Kleidung.
  • Fahren Sie nachts und bei schlechtem Wetter mit Licht und reflektierender Kleidung.
  • Fahren Sie nicht zu dicht am Fahrbahnrand. Falls ein Fahrzeug zu nah an Ihnen vorbeifährt, können Sie nicht ausweichen.
  • Achten Sie immer auf Ihre Um­gebung und versuchen Sie vorher­zusehen, was andere Verkehrsteilnehmer vorhaben.
  • Zeigen Sie immer an, wenn Sie abbiegen wollen.
  • Fahren Sie nicht rechts an Lastwagen oder Bussen vorbei. Große Fahrzeuge haben einen „toten Winkel“: Die Fahrer können Sie nicht sehen.
  • Fahren Sie mit großem Abstand an geparkten Fahrzeugen vorbei, es könnte jemand die Autotür öffnen.

 

 

 

 


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