Was uns glücklich macht
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Was uns glücklich macht

Familie und Freunde, Gemeinschaft und Glaube sorgen langfristig für Zufriedenheit.

Ausgabe: Juni 2014 Autor: Lisa Fields

Das Traumhaus, die Luxusreise, das neue Auto – für eine Weile bessern diese Dinge zweifellos unsere Stimmung auf. Doch für eine nachhaltige Wirkung müssen wir woanders nach dem Glück suchen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben überraschende Gründe dafür zutage gefördert, weshalb manche Menschen glücklicher sind als andere. Eine an der Universität von Minnesota in den USA laufende Langzeitstudie hat gezeigt, dass rund 50 Prozent auf unserer persönlichen Glücksskala der genetischen Veranlagung zuzuschreiben sind. "Ein Lotteriegewinn kann unser Glücksniveau vorübergehend anheben, und ein Todesfall in der Familie kann es deutlich dämpfen, doch immer kehren wir zu unserem relativen Ausgangswert zurück", erklärt Kevin Haroian, Leiter des Zentrums für Zwillings- und Familienforschung an der Universität von Michigan. "Wir alle erleben Höhen und Tiefen, doch wie wir unterm Strich im Leben stehen, daraus ergibt sich unser persönlicher ,Glücks-Sollwert’."

Individuelle Lebensumstände sowie Faktoren, die täglichen Veränderungen unterliegen, sind für eine weitere Verschiebung um 10 Prozent auf der Glücksskala verantwortlich, sagt Sonja Lyubomirsky, Glücksforscherin an der Universität von Kalifornien. Denken Sie etwa an den Energieschub, den ein Lob für eine gute Leistung auslöst, oder die schlechte Laune, wenn uns schlechtes Wetter überrascht.

Weil Glück eine schlecht messbare Größe ist, dürfen diese Prozentzahlen nur als grober Leitfaden verstanden werden. Eine Rolle spielt auch, was jeder Mensch für sich persönlich als Glück definiert. Glücksforscher haben herausgefunden, dass glückliche Menschen alle Ereignisse und Erlebnisse in ihrem Leben positiver betrachten als unglückliche. Letztere reagieren auf Kritik vom Vorgesetzten eher mit Verstimmung und finden immer etwas Negatives. Rechnet man nun den erblichen Glücksquotienten und die von äußeren Faktoren abhängige Situation ab, dann bleiben noch etwa 40 Prozent auf der individuellen Glücksskala, auf die wir innerhalb unseres eigenen Handlungsbereiches Einfluss haben. Studienergebnisse haben vier Hauptbereiche aufgezeigt, in denen positive Veränderungen den entscheidenden Beitrag zu unserem persönlichen Glück leisten: Familie, Gemeinschaft, Arbeit und Glaube. Und die können wir beeinflussen.

Familie

Im Jahre 1938 startete an der US-amerikanischen Universität Harvard eine über 75 Jahre laufende Langzeitstudie, die sogenannte "Grant-Studie". 268 männliche Absolventen werden seit ihrem 18. Lebensjahr in regelmäßigen Abständen unter anderem dazu befragt, welche Eigenschaften, Gewohnheiten und Erfahrungen zu einem gelungenen Leben beitragen. Das Ergebnis:
Wer eine glückliche Kindheit hatte, wird auch als Erwachsener glücklicher sein. Männer sind im fortgeschrittenen Alter glücklicher, wenn sie ein enges Verhältnis zu ihren Kindern haben. Und eine gute Ehe ist ein Prädiktor (eine Wirkungsvariable) für Glück im hohen Alter. Laut George Vaillant (1972 bis 2004 Leiter der Grant-Studie) ist das Geheimnis des Glücks, Liebe geben und empfangen zu können. Nur wenn Menschen in der Lage sind, echte und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen, können sie wirklich glücklich werden. "Die positiven Gefühle wie Glaube, Hoffnung, Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit – die Glück stiftenden Gefühle also – sind alle nur erlebbar, wenn wir in Beziehung zu anderen Personen stehen", sagt Vaillant.

Gemeinschaft

Die Gemeinschaft der Menschen, die man um sich versammelt (in erster Linie die Freunde), kann unser persönliches Glück vergrößern. Dabei reicht es aber nicht, sich nur in Gesellschaft zu befinden. Damit aus Bekanntschaften und Freundschaften tatsächlich Glück und Freude entstehen können, braucht es Vertrauen und Verlässlichkeit. "Wirklich glückliche Menschen pflegen enge Beziehungen – sie haben Leute um sich, auf die sie sich uneingeschränkt verlassen können", sagt Ed Diener, Dozent für Psychologie an der Universität von Illinois. "Seien Sie jemand, auf den andere sich verlassen können. Forschungsergebnisse zeigen, dass die glücklichsten Menschen mehr an andere denken als an sich selbst." Freundschaften können sich besonders für die Menschen als positiv erweisen, deren Interessen sich gar nicht mit denen ihrer Familienmitglieder decken. Verwandte kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon.
Einsame Menschen, die sich niemandem anvertrauen können, sind in der Regel unglücklich. Einsamkeit hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebenserwartung. Deshalb lohnt es sich, in Beziehungen zu investieren, die unserem Leben einen Sinn verleihen

Arbeit

Der Beruf gibt unserem Leben Sinn und steht in einem engen Zusammenhang mit unserem persönlichen Glück. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen geht hervor, dass körperlich Schwerstbehinderte hauptsächlich deshalb weniger glücklich sind als andere Menschen, weil sie nicht in der Lage sind, einem Beruf nachzugehen. Andere Forschungsergebnisse belegen, dass eine Kündigung einen tiefen Absturz verursachen kann, von dem manche sich, trotz neuer Arbeitsstelle, auch nach Jahren nicht erholen. Wer im Arbeitsleben den Zeiger auf der persönlichen Glücksskala nach oben wandern lassen möchte, sollte vorzugsweise einer Tätigkeit nachgehen, die ihn befriedigt und begeistert. Worin dieser Wert besteht, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Glaube

Auch im scheinbar so nüchternen 21. Jahrhundert gibt es noch viele Menschen, die ihr Glaube und ihre Spiritualität glücklicher machen. Gläubige Menschen sind in der Regel Teil einer Gemeinschaft, gemeinsame Erfahrungen im Kreis von Gleichgesinnten erzeugen positive Gefühle. "Sinn und Ziel von Spiritualität ist das Sich-verbunden-Fühlen", sagt George Vaillant. "Fast immer bedeutet das auch, einer Gruppe anzugehören." Zahllose wissenschaftliche Studien und Umfragen haben gezeigt, dass diejenigen Gruppen, in denen sich die Menschen aus religiösen Gründen zusammenfanden, glücklicher waren also solche, in denen der Glaube keine Rolle spielte. "Hoffnung, Vertrauen, Vergebung, Ehrfurcht – all diese Gefühle tragen dazu bei, dass Glück entstehen kann. Allerdings werden sie häufig fälschlicherweise als rein religiöse Gefühle interpretiert, wo es doch im Grunde nur Anzeichen für eine gute psychische Gesundheit sind", merkt Vaillant an. "Ich kann mich nicht erinnern, gelesen zu haben, dass Albert Einstein jemals in seinem Leben eine Synagoge besucht hat. Aber er sprach sein gesamtes Leben lang von seiner Ehrfurcht vor und seinem Glauben an eine Kraft, die unser Begriffsvermögen übersteigt."

Ergänzende Recherche: Stig Michaelsen (Oslo), Ivo Pommerel (Amsterdam), Sylvie Castagn« (Zürich)

 


 

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