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Einälteres Paar lachend im herbstlichen Park. Der Mann trägt die Frau Huckepack auf dem Rücken.
© iStockfoto.com / BraunS
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Zu jung für die Rente

Millionen Senioren kehren ins Berufsleben zurück – und führen dadurch ein glücklicheres und gesünderes Leben.

Ausgabe: Mai 2022 Autor: Susannah Hickling

In ganz Europa erreichen viele Menschen das Rentenalter, beziehen Rente und suchen sich dann doch einen Job. Nach der neuesten Arbeitskräfteerhebung waren 2019 mehr als fünf der 200 Millionen berufstätigen Europäer über 65 Jahre alt. Das ist ein Anstieg von 82 Prozent im Vergleich zum Stand von 2004. Es gibt unterschied­liche Gründe, zum sogenannten Unruheständler zu werden. Laut Eurofound (Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen) arbeiten nur rund 20 Prozent der über 65-Jährigen ausschließlich aus finanziellen Gründen. Die meisten tun es offenbar, weil sie ihren Job lieben: EU-Statistiken zeigen, dass 93 Prozent der Berufstätigen zwischen 65 und 74 Jahren durch ihre Arbeit glücklicher sind.
„Eine höhere Beschäftigungsquote bei den Menschen im Ruhestand kurbelt die Wirtschaft an und ist für jeden gut, solange die Betroffenen arbeiten wollen“, sagt Hans Dubois, Forschungsleiter bei Eurofound. Manchmal konkurrierten ältere und jüngere Menschen um Jobs, aber Dubois betont, dass ältere Beschäftigte für bestimmte Tätigkeiten – beispielsweise im Mentoringbereich – oftmals besser geeignet seien. Es gibt auch einen gesundheitlichen Nutzen, wenn Rentner einer Beschäftigung nachgehen. Forschungsergebnisse, die auf der laufenden SHARE-Studie (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe; Befragung zu Gesundheit, Alter und Ruhestand) basieren, haben gezeigt: Die Unruhe­ständler sind mobiler, fühlen sich gesünder und berichten von einer besseren Lebensqualität als ihre Altersgenossen im Ruhestand. Außerdem sind sie seltener depressiv und haben ein besseres Gedächtnis.
Hier berichten vier Menschen, die sich für den „Unruhestand“ entschieden haben, warum sie es nicht bereuen:


Ljuba Medak, 69
In der slowenischen Stadt Piran steht Ljuba Medak im Klassenzimmer und bittet ihre Schüler, die Atlanten zu öffnen. Sie schlagen das Kapitel über Norwegen auf. Es ist aber keine „normale“ Schule, die Klasse besteht aus Schülern der University of the Third Age (U3A), ein internationales Netzwerk von Organisationen mit Bildungsangeboten für ältere Menschen. Medak gibt offen zu, dass der beste Tag ihres Berufslebens 2014 war, als sie in den Ruhe­stand ging. Sie hatte am Gymnasium Geografie unterrichtet. Aber warum kehrte sie dann nur eine Woche später ins Klassenzimmer zurück? „Ich liebe es, mein Wissen und meine Begeisterung weiterzu­geben“, sagt sie. Wie mehr als die Hälfte der euro­päischen Beschäftigten über 65 arbeitet sie in Teilzeit und unterrichtet nur noch ein paar Stunden im Monat. Sie muss nicht mehr 18-Jährige auf stressige Prüfungen vorbereiten, Beurteilungen schreiben oder gegenüber dem Bildungsministerium Rechenschaft ablegen. „Ich bin viel freier“, sagt sie.
Bereits vor ihrer Pensionierung hatte Medak einige U3A-Klassen unterrichtet. Es kamen viele begeisterte Schüler, und so hat sie weitergemacht. Um ihre Pension nicht aufs Spiel zu setzen, darf sie maximal 720 Stunden pro Jahr arbeiten. Medak macht mit ihren Schülern gern Exkursionen. Eine führte zum Geologischen Institut in der Hauptstadt Ljubljana, um etwas über Fracking – also die Erdöl- und Erdgasgewinnung mittels hohem Wasserdruck – zu lernen. Im Ruhestand zu arbeiten, ist in Slowenien, wo man mit 60 in Rente gehen kann, sofern man 40 Jahre lang gearbeitet hat, eher ungewöhnlich. Nur 6,6 Prozent der Slowenen  im Alter zwischen 65 und 69 Jahren arbeiten, der Anteil ist damit nur halb so groß wie  im EU-Durchschnitt.
Ljuba Medak trifft sich gern mit Freunden zum Kaffeetrinken oder spielt mit ihnen Boule beziehungsweise Karten. Aber die Arbeit als Lehrerin gibt ihr noch etwas anderes. „Wenn man älter wird, besteht die Gefahr, dass man weniger tolerant wird“, sagt sie. „Ein geflügeltes Wort lautet: ‚Wenn du alleine zu Hause bist, bist du immer in guter Gesellschaft.‘ Aber so sollten wir nicht denken.“


Dr. Dominique Hérault, 71
Im April 2016 schloss Dr. Hérault nach 37 Jahren als Allgemeinarzt zum letzten Mal die Tür seiner Praxis ab. Acht Monate später meldete sich ein Freund bei ihm, der Vorsitzende der französischen Ärztekammer im Départment Mayenne. Hunderte von Patienten in der nahe gelegenen Stadt Laval hätten keinen Hausarzt. Ob Dr. Hérault dort ein neues Gesundheitszentrum leiten wolle, in dem pensionierte Ärzte und Medizinstudenten zusammenarbeiten? Obwohl er seine neu gewonnene Freiheit genoss, sagt er: „Ich dachte, warum nicht? Es gab mir die Möglichkeit, zu einer Arbeit zurückzukehren, die ich liebe.“ Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt in Frankreich derzeit bei 62 Jahren, aber Dr. Hérault fand heraus, dass es in der Gegend viele Ärzte im Ruhestand gab, die sich ihm gern anschließen wollten. „Erstens sind wir alle leidenschaftliche Mediziner“, sagt er. „Zweitens können wir uns nützlich machen. Und drittens können wir unsere Pensionen aufbessern.“
Laut dem Nationalen Komitee der französischen Ärztekammer stieg die Zahl der pensionierten Ärzte, die weiter praktizieren, zwischen 2010 und 2020 um 226 Prozent an. Das Henri Dunant Medizinzentrum in Laval wurde im Juni 2017 eröffnet. Die pensionierten Hausärzte arbeiten alle je vier Tage pro Monat, während vier Medizinstudenten jeweils einen Tag pro Woche kommen. Insgesamt versorgen die Ärzte im Zentrum ungefähr 4000 Patienten. Dr. Hérault behandelt im Laufe eines 10-Stunden-Arbeitstags regel­mäßig 30 Patienten. Trotz dieses hohen Arbeitspensums ist er der Meinung, dass „ein Tag pro Woche nicht anstrengend ist.“ Ihm bleibt immer noch genügend Zeit für Gartenarbeit, Golf, seine sieben Enkel und andere Aktivitäten.
Die erfahrenen Hausärzte zeigen den angehenden Ärzten, wie man Patienten richtig untersucht, und die Studenten halten ihre älteren Kollegen auf dem aktuellen Stand der Medizin. Dr. Hérault betrachtet seine Arbeit in mehrfacher Hinsicht als eine Win-win-Situation. „Es ist anregend, mit jungen Menschen zu arbeiten“, sagt er. „Ich mache etwas, das gut für meinen Kopf und meinen Körper ist, und ich leiste einen Beitrag für die Gesellschaft.“
Dr. Hérault plant, noch zwei oder drei Jahre weiterzumachen, bis genügend neue Hausärzte ihre Ausbildung abgeschlossen haben. In der Zwischenzeit sind seine Patienten einfach dankbar, dass sie endlich einen Arzt haben – sein Alter ist ihnen egal.


Francine Pirlot, 67
Wie fast jeden Morgen sitzt die Belgierin auch heute an ihrer Nähmaschine. Umgeben von Stoffballen schaut sie über ihre Lesebrille und näht Gardinen für eine Botschaft in Brüssel. Die Kleinunternehmerin verbringt ungefähr 50 Stunden pro Woche in ihrer Werkstatt in Lillois-Witterzee. „Ich liebe es, mit Stoffen zu arbeiten“, sagt sie. „Es ist kreativ. Man fängt mit einem Stück Material an und verwandelt es in etwas Schönes. Ich bin stolz auf meine Handarbeit.“ Pirlot hat vor 30 Jahren mit dem Nähen begonnen. Als ihre Kinder klein waren, konnte sie ihre Familie so nach ihrer Scheidung ernähren. Heute kann die 67-Jährige ihre staatliche Rente aufbessern, die bis vor Kurzem 525 Euro monatlich betrug (die Regierung hat die Mindestrente inzwischen erhöht). Ihre Rente fiel so gering aus, weil sie 15 Jahre lang mit ihrem Ex-Mann als épouse-aidante (als mitarbeitende Ehefrau) in ihrer gemeinsamen Cocktail-Bar tätig war. Dieses Arrangement bot zwar steuerliche Vorteile, aber als sich das Paar trennte, hatte Francine nicht die notwendigen Beiträge eingezahlt, um eine ausreichende Rente zu bekommen. Das offizielle Rentenalter liegt in Belgien aktuell bei 65 Jahren und wird bald auf 67 Jahre steigen.
Auch nach dem Erreichen des Rentenalters produzierte Prilot weiterhin Wohntextilien. „Ich kann gut davon leben“, sagt sie. Wie fast 42 Prozent der berufs­tätigen Europäerinnen und Europäer zwischen 65 und 74 ist die Schneiderin selbstständig und kann selbst bestimmen, wann sie arbeitet und wann sie Freizeit hat. Sie teilt ihre Werkstatt mit einer Raumausstatterin und Freundin, die 20 Jahre jünger ist. Kunden ihres Ladens La Maison de Florence Côté Déco denken manchmal, dass sie Mutter und Tochter seien. Ihre zwei Katzen schlafen im Schaufenster und sind kleine Berühmtheiten mit treuen Fans. Auf der Facebook-Seite ihres Ladens schrieb jemand: „Der Korbstuhl ist nicht sehr bequem für Katzen. Sie sollten ein Kissen hineinlegen.“ „Zu arbeiten ist gut für meine geistige Gesundheit“, sagt Pirlot. „Jeden Tag mache ich mich für meine Kunden schick, in Jogginghose zu Hause herumzusitzen kommt für mich nicht infrage. Auch wenn ich nicht arbeiten müsste, würde ich mich ehrenamtlich engagieren oder Nähkurse geben. Man muss jeden Tag ein Ziel haben.“


Derek Myers, 71
Der Brite hat zwei Jahrzehnte lang eine Firma für elektronische Sicherheitsanlagen mitgeführt. Vor fünf Jahren wollte Myers bei der jährlichen Vertriebstagung der Firma verkünden, dass er in den Ruhestand gehe. Aber sein Geschäftspartner sagte: „Wir haben noch mehr Arbeit für dich. Du gehst nicht in den Ruhestand. Wir brauchen dein Wissen.“ Zuerst war Myers schockiert. Er war mit seiner Frau Christine bereits von London in die Küstenstadt Bude umgezogen, um näher bei ihren Kindern und Enkeln zu sein. Aber er fand schnell Gefallen an der Idee, von zu Hause aus in Teilzeit zu arbeiten und nur gelegentlich zu reisen. Früher war er manchmal monatelang im Ausland gewesen, wo er Anlagen installierte und Mitarbeiter schulte. „Reisen verlangt dir viel ab“, sagt er. „Ich hatte zweimal eine tiefe Venenthrombose vom Fliegen.“ Heute arbeitet Myers „jeden Tag ein bisschen“ in seinem Homeoffice. Zwischendurch führt er den Hund aus. „Wenn der Stress zu viel wird, gehe ich zum Küstenweg runter oder in den Wald.“ Bei einem Besuch im 240 Kilometer enfernten Sitz der Firma traf er kürzlich den 90-jährigen Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens. „Ich komme ins Büro, um geistig fit zu bleiben“, sagte er Myers bei einem Kaffee. Die Unternehmenskultur ist von Respekt für das Alter und die Erfahrung der Mitarbeiter geprägt. Vor allem Kunden im Nahen Osten und Afrika schätzen das, was Myers einbringt. „Sie hören mir aufmerksamer zu als jüngeren Kollegen“, sagt er. „Das ist sehr befriedigend.“
Myers steht stellvertretend für viele Landsleute. Laut restless.co.uk, einem britischen Onlineportal für Menschen über 50 Jahre, ist die Zahl der Berufstätigen über 70 von ungefähr 256.000 im Jahr 2010 auf mehr als 480.000 im Jahr 2020 gestiegen. Gemäß einer Studie aus dem Jahr 2017 fing ein Viertel der Briten, die in den Ruhestand gegangen waren, bald wieder an zu arbeiten. Das Durchschnittsalter der Berufs­tätigen wird sich weiter erhöhen, da das offizielle Rentenalter in den nächsten Jahren wie in Deutschland, Italien und den Niederlanden auf 67 Jahre steigen wird.
Myers will weitermachen bis er 75 ist. „Viele wollen nicht arbeiten oder können es aus gesundheitlichen Gründen nicht“, sagt er. „Das ist vollkommen in Ordnung. Aber diejenigen, die arbeiten wollen, können viel Nützliches tun.“










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