Trickbetrüger: Lassen Sie sich nicht täuschen!
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Trickbetrüger: Lassen Sie sich nicht täuschen!

So schützen Sie sich gegen Betrüger und miese Tricks.

Ausgabe: Oktober 2018 Autor: Eleanor Rose

An einem kalten Januarnachmittag steht die 65-jährige Lis Daugaard im Ankunftsbereich des Flughafenterminals in Kopenhagen. Sie hat sich herausgeputzt, ihr Blick schweift nervös über die Passagiere, die durch die Türen kommen. Sie sucht nach Robert Aleksander. Kennengelernt hat sie ihn über eine Dating-Website. Nach zwei Monaten mit E-Mails und Telefonaten würden sie sich nun zum ersten Mal gegenüberstehen.

Doch wo ist der Mann von den Fotos – grauhaarig, attraktiv, mit schüchternem Lächeln?

Auf dem Heimweg fließen die Tränen. „Ich musste meine Tochter anrufen und ihr sagen: ‚Ich glaube, ich habe einen großen Fehler gemacht.‘“ Die Romanze von Daugaard begann 2013, kurz nachdem sie in Rente gegangen war. Sie meldete sich auf Dating.dk an, einer beliebten dänischen Online-Partnerbörse. Ihr Ehemann war zehn Jahre zuvor gestorben, und weil sie vier Kinder großziehen, blieb ihr keine Zeit, nach einer neuen Liebe zu suchen. Als sie ihr Profil online stellte, bekam sie fast sofort eine Antwort von Robert Aleksander, nach eigener Aussage ein EU-Diplomat.

Ihre Beziehung entwickelte sich gut, seine E-Mails wurden immer romantischer. Als er erwähnte, dass er Geld zum Reisen benötige, überlegte Daugaard nicht lange. Sie überwies ihm ihr Erspartes, 94.000 Kronen (etwa 12.200 Euro), was ihm auch einen Besuch bei ihr ermöglichen sollte. Dass er nun gar nicht erschien, machte Daugaard fassungslos. „Wie konnte ich mich als jemand, die in ganz Europa gearbeitet hat, so hereinlegen lassen?“, fragt sie.

Oft stecken organisierte Banden dahinter

Oft stecken dahinter organisierte, international agierende kriminelle Banden. Sie sitzen an Computern in Nigeria, Malaysia, Israel oder einem Land weit außerhalb des Zugriffs der örtlichen Strafverfolgungsbehörden. Kriminalstatistiken zufolge ist in Ländern wie den USA die Zahl dieser Betrügereien binnen Jahresfrist um 20 Prozent gestiegen. Nach Angaben des FBI sind die meisten Opfer Frauen über 40, geschieden oder verwitwet, teils auch körperlich behindert. Das FBI hat 2016 an die 15.000 Beschwerden wegen dieser sogenannten Romance Scams erhalten, bei denen Menschen auf Partnersuche im Internet Geld entlockt wird. Die 15.000 Geprellten, 2500 mehr als im Vorjahr, haben rund 230 Millionen Dollar (etwa 200 Millionen Euro) verloren. Die britischen Polizei sagt, in Großbritannien hätten 2017 mehr als 3500 Personen umgerechnet 46 Millionen Euro durch solche Betrügereien eingebüßt. .

Den Opfern werden Daten und Geld entlockt

Die europäische Strafverfolgungsbehörde Europol berichtet auch von Fällen von sogenanntem Social Engineering, einer Betrugsmasche, bei der den Opfern vertrauliche Informationen und Geld entlockt werden. Derartige Straftaten werden vor allem online begangen, entweder per E-Mail (Phishing) oder über soziale Netzwerke sowie per Telefon (Vishing).

Die Polizei in Belgien, Deutschland, Großbritannien und Schweden warnte unlängst vor diesem Trick: Ein angeblicher Polizist ruft ein potenzielles Opfer an und behauptet beispielsweise, Hacker hätten sich Zugang zu dessen Bankkonto verschafft. Man benötige nun Angaben zum Konto, um dem Betroffenen helfen zu können. „Das Ganze läuft gut organisiert ab“, sagt Peter Depuydt vom Betrugsdezernat von Europol. „Die haben Leute, die das Geld waschen, Leute, die Bankkonten knacken, und Callcenter, die die Menschen hinters Licht führen.“ Die Gauner sind sogar in der Lage, die Telefonnummern von Kreditinstituten zu missbrauchen.

Vor allem Ältere werden ins Visier genommen

Das genaue Schadensausmaß ist schwer abzuschätzen, da es vielen Betroffenen peinlich ist, derartige Betrügereien zu melden, so Depuydt. Aber: „Wir glauben, dass die Zahlen steigen, denn ältere Menschen sind leichte Opfer.“ Die britische Polizeieinheit Action Fraud hat zwischen Oktober 2016 und September 2017 mehr als 92.000 Betrugsanzeigen von Personen ab 50 Jahren registriert; diese Altersgruppe stellte 55 Prozent der Opfer. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen hatte es nach eigenen Angaben 2016 mit 1250 Betrugsfällen zu tun, bei denen ältere Menschen um insgesamt acht Millionen Euro betrogen .

Die Betrüger haben Namens-Listen, die sie abarbeiten

Bei Kriminellen kursieren Namenslisten mit besonders „einfachen“ Zielen – Personen, die bereits hereingelegt wurden. Meistens handelt es sich um Rentner. Allein in Großbritannien hat die staatliche Handelsaufsichtsbehörde seit 2012 rund 300.000 Namen von Opfern ausmachen können. Dass die Zahl der Betrugsfälle bei Älteren so stark ansteigt, habe auch damit zu tun, dass die Über-50-Jährigen heute mehr denn je online aktiv sind, sagt Age UK, Großbritanniens größte Wohltätigkeitsorganisation für ältere Menschen.

In einem jüngeren Fall nahmen Betrüger bevorzugt gebrechliche Ältere aus einer belgischen Kleinstadt ins Visier. Der heute 92-jährige Leopold (Name geändert) fuhr im Juni 2016 in die Stadt. Als er aus seinem Wagen stieg, näherte sich ihm ein Mann und sagte, Leopold habe sein Auto gestreift und dabei den Außenspiegel beschädigt. Er zeigte ihm eine große schwarze Schramme. Der Mann sagte, Leopold solle besser nicht die Versicherung anrufen, da er sonst wegen seines Alters Probleme bekommen könne. Stattdessen rief er einen „Reparaturdienst“ an, der kurz darauf kam, den Schaden begutachtete und mit 2500 Euro bezifferte. Der Mann fuhr dann mit Leopold zur Bank, wo dieser 900 Euro abhob. Nach dem Vorfall fuhr Leopold nach Hause und rief seine Töchter an. Auf ihr Drängen hin ging er am nächsten Tag zur Polizei, aber die Ganoven wurden nie gefasst.

Senioren vor Betrügern schützen

Italiens Abgeordnetenkammer gab im September 2017 grünes Licht für ein Gesetz, das den Betrug an Personen über 65 Jahren mit Gefängnisstrafen von zwei bis sechs Jahren ahndet. Ferner sieht das Gesetz Geldstrafen von 400 bis 3000 Euro vor. Noch ist es nicht verabschiedet, es zeigt aber, dass es Italien ernst damit ist, Senioren vor Betrug zu schützen.

Die Europäische Union hat soziale Medien aufgefordert, „mehr Verantwortung zu übernehmen“. Facebook, Google und Twitter wurden angewiesen, zum Schutz vor Betrügereien gefälschte Einträge zu löschen, ansonsten drohen rechtliche Schritte. Europol intensiviert die Aufklärungsarbeit zu den unterschiedlichen Methoden der Betrüger. Man will die Banden hinter diesen kriminellen Machenschaften zerschlagen. Im März 2018 wurden bei einer gemeinsamen Aktion von Europol, italienischer und rumänischer Polizei 20 Personen verhaftet. Sie sollen durch Phishing-E-Mails an die Kontodaten von Hunderten Bankkunden gelangt sein und so eine Million Euro ergaunert haben.

Training für Senioren

In Utrecht in den Niederlanden unterrichtet der ehemalige Polizeioffizier und Betrugsexperte Harry van Schaik Senioren darin, sich vor Betrug zu schützen. Er bringt ihnen alles Nötige bei, um gewappnet zu sein – etwa, dass man allzu lange Unterhaltungen mit Fremden vermeiden sollte, die unangekündigt vor der Tür stehen oder anrufen. Sonst gibt man den Kriminellen die Möglichkeit, ihre Opfer zu manipulieren. In einer Gesellschaft, in der die Älteren häufig isoliert und einsam sind und somit anfälliger für Betrügereien werden, ist es wichtig, sich zu vernetzen. Am Ende seiner Unterrichtsstunden bittet van Schaik die Senioren, ihr Wissen weiterzugeben.

Ähnlich sieht das Lis Daugaard. In den Monaten nach ihrem schlimmen Erlebnis hat sie Opfer ähnlicher Betrügereien kennengelernt und versucht, ihnen zu helfen. Wichtig sei es, ganz offen darüber zu reden, sagt sie. „Wir müssen das Bewusstsein der Menschen schärfen. Nur so können wir den Betrügern die Grundlage entziehen.“


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