Reiche Ernte
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Reiche Ernte

Fallobst im Garten eines Nachbarn bringt eine Mutter in Oslo auf eine bemerkenswerte Geschäftsidee.

Ausgabe: September 2015 Autor: Tim Bouquet

ES IST ZEHN UHR an einem sonnigen Septembermorgen. In den Gärten der Osloer Vororte herrscht rege Betriebsamkeit. Die "Korsvoll Terrasse" ist eine verschlafene Straße in einem gutbürgerlichen Viertel, wo sich holzverschalte Backsteinhäuser aneinanderreihen. Während die Hausbewohner arbeiten, macht sich eine Gruppe von Frauen und Männern in den Gärten ans Werk: Die einen klettern in die Apfelbäume, um die Früchte zu pflücken, die anderen füllen die geernteten Äpfel in grüne Kisten. Diese Szene wiederholt sich in den Gärten der anderen Straßen des Viertels.

Anne Dubrau ist Deutsche und leitet die Aktion. Sie ist 28 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Sie rüttelt mit einer langen Stange an den Apfelbäumen und spornt ihre Kollegen an. "Ihr müsst alle Äpfel pflücken", ruft sie von unten. "Und bitte seid vorsichtig." Bald ist der Boden übersät mit Äpfeln in allen Formen, Größen und Farben. Hierbei handelt es sich nicht um einen geplanten Raubzug oder gartenbaulichen Vandalismus, sondern um eine soziale Geschäftsidee: "Epleslang" (Apfelklau). Die Idee, Oslos ungenutzte Äpfel zu ernten, daraus hochwertigen Apfelsaft zu produzieren und ihn in Osloer Geschäften und Restaurants zu verkaufen, stammt von Anne Dubrau.

Allerdings geht es nicht nur darum, Geld zu erwirtschaften.

Epleslang gibt solchen Menschen einen bezahlten Arbeitsplatz und sozialen Rückhalt, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden und die auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. Die Epleslang-Geschichte beginnt im Jahr 2012, als Dubraus damals fünfjährige Tochter Charlotte mit einem Arm voll Äpfeln nach Hause kam, die sie in Nachbars Garten aufgesammelt hatte – ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. "Das löste bei mir den Muttermodus aus", berichtet Dubrau. "Ich sagte zu ihr: 'Man darf anderen nicht etwas wegnehmen. Du hättest fragen müssen, wahrscheinlich wollen sie die Äpfel selbst essen." Sie sah mich an und sagte: 'Nein, niemand erntet diese Äpfel."
"Es stimmte", erzählt Dubrau. "Die Gärten in Oslo hängen voll mit Äpfeln, die auf den Boden fallen und verfaulen. Die Menschen sind vielbeschäftigt und kaufen lieber im Supermarkt gespritztes Obst, anstatt ihre Bio-Äpfel im Garten zu pflücken. Anfangs dachte ich nur: 'Welch eine Verschwendung!", aber dann: 'Vielleicht könnten wir die Äpfel pflücken und damit etwas Sinnvolles machen."

Damals absolvierte Dubrau ein Masterstudium in Politikwissenschaften an der Universität Oslo und besprach ihre Idee mit vier Kommilitoninnen. Runa, Stina, Renate und Eva waren wie sie angehende Unternehmensgründerinnen, vorzugsweise im sozialen Bereich. "Wir recherchierten, weil wir herausfinden wollten, ob es überhaupt genug Äpfel gab, damit das Projekt funktionieren würde." Zuerst durchstreiften sie Oslos Vorstädte, zählten Bäume und errechneten, dass die Gärten schätzungsweise 400 Tonnen Äpfel pro Jahr abwerfen konnten. Dann fanden sie einen Stadtteilbauernhof, der bereit war, die Äpfel weiterzuverarbeiten.

"Wir fragten in Feinkostgeschäften, ob sie unseren Apfelsaft verkaufen würden", erzählt Dubrau. "Uns war bewusst, dass es schwierig werden würde, doch Apfelsaft ist in Norwegen eine beliebte Alternative zu Wein. Großen Anklang fand die Tatsache, dass unser Saft Bioqualität haben und lokal produziert sein würde." Anschließend erkundigten sie sich bei Organisationen, die mit körperlich und geistig Behinderten sowie mit verhaltensauffälligen Jugendlichen arbeiten, ob sie Interesse hätten, bei der Apfelernte zu helfen. "Ihre Reaktion war positiv. Sie meinten, warum noch niemand zuvor auf diese Idee gekommen sei", erinnert sich Dubrau.

10 Personen im Gründerteam

In der Zwischenzeit war das Gründerteam von Epleslang auf zehn Personen angewachsen. Sie erstellten einen Geschäftsplan, jeder sollte 8270 Euro Startkapital beisteuern. Nun fehlte nur noch die Erlaubnis der Gartenbesitzer zum Äpfelpflücken. "Wir fragten bei einer lokalen Tageszeitung an, ob sie über Epleslang berichten würden. So wollten wir herausfinden, welches Echo die Idee bei den Bürgern haben würde." Das war im Mai 2012. Tags drauf "riefen Leute an und baten uns zu kommen." Bis August hatten sich 70 Gartenbesitzer dem Epleslang-Projekt angeschlossen. Einer von ihnen ist Marius Mjaaland, ein 42-jähriger Dozent, der mit seiner Frau und vier Kindern in Nordberg wohnt. "In unserem Garten stehen sieben Apfelbäume, und mehr als ein Drittel der Äpfel zu ernten und zu verzehren schaffen wir nicht", sagt Marius. "Im November bekamen wir unsere erste Flasche Apfelsaft, und das war der leckerste Apfelsaft, den ich je getrunken habe."
Bei der ersten Ernte kannte Dubraus Begeisterung keine Grenzen. "Wir stellten vier Personen mit körperlichen Behinderungen ein und pflückten gemeinsam sieben Tonnen Äpfel, die wir mit dem Fahrrad oder per Bus oder Zug zur Kelterei transportierten. Das war der Wahnsinn!" Doch das Startkapital von Epleslang war schnell aufgebraucht. "Eine Zeit lang konnten wir sogar keine Löhne bezahlen", berichtet Dubrau. Dann kam ihnen das Glück zu Hilfe. Epleslang erhielt 2013 die Auszeichnung "Norwegens soziale Geschäftsidee des Jahres" mit einem Preisgeld von 59.000 Euro. In jenem Jahr pflückten sie 22 Tonnen Äpfel.

"Das schöne Wetter verhalf uns letztes Jahr zu einer Rekordernte: 30 Tonnen, aus denen wir 30.000 Flaschen Saft pressten", sagt Dubrau. 30 Mitarbeiter ernteten in mehr als 600 Gärten Äpfel. Heute verkauft Epleslang seinen Saft an 17 Osloer Geschäfte, Caf«s, Restaurants und Hotels. es herrscht gute stimmung unter den Mitarbeitern, die sich ohne das Epleslang-Projekt und Dubraus Einsatz nie kennengelernt hätten. "Die Arbeit ist anstrengend, aber ich bin gern draußen und mit anderen Menschen zusammen", sagt die 22-jährige Maja Fımyr. Nach einer kurzen Pause fängt sie an, eine Kiste zu füllen und weicht lachend herunterprasselnden Äpfeln aus, die die Teenager Seb und Marcus ungestüm herunterschütteln.

Zu Epleslang sind die beiden über "Kompass & Co" gekommen. Die Osloer Kooperative hilft Jugendlichen, die die Schule abgebrochen haben, mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind oder denen, die kein stabiles Lebensumfeld haben. "Ich habe vorher in einer Küche ausgeholfen", sagt Seb, "aber das hier macht mehr Spaß." Am Abend ist der Transporter vollgeladen. Heute sitzt die 25-jährige Hege Helene Reistad am Lenkrad, eine Praktikantin, die in Schweden an der Universität von Uppsala Nachhaltige Entwicklung studiert. Während der Erntezeit braucht Dubrau auch Hilfe von Praktikanten. "Ich hoffe, dass ich nach meinem Studienabschluss einen vergleichbaren Job finde", sagt Reistad. "Meine Arbeit mit den Behinderten ist ein wertvoller Beitrag für die Gemeinschaft hier vor Ort."

Zum Dank gibt's eine Flasche Apfelsaft

Wir laden die Äpfel an der Kelterei von Abildsı ab, einem Bauernhof, der nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt liegt. In den Wintermonaten kleben Maja und die anderen hier Etiketten auf die Flaschen. Nachdem alle Äpfel gepflückt sind, bekommt jeder teilnehmende Gartenbesitzer als Dankeschön eine Flasche "Epleslang" vor die Tür gestellt. Die Flaschen sind in Papier eingewickelt, das außen die Zeichnung eines Apfelbaums in voller Blüte ziert, entworfen von dem Künstler Peter-John de Villiers. Auf der Innenseite erzählen Bilder und Texte die Epleslang-Geschichte. "Wir hoffen, dass alle, die uns ihre Äpfel geben und unseren Apfelsaft trinken, zu Botschaftern unserer Idee werden und sich als Teil unseres Projekts fühlen", sagt Dubrau.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Epleslang einen Umsatz von 100.000 Euro und arbeitet nun kostendeckend. Zudem konnten sie einen neuen Kunden gewinnen: Norgesgruppen, ein Großkonzern, zu dem unter anderem vier Lebensmittelketten in Norwegen zählen. Anne Dubrau ist heute Geschäftsführerin von Epleslang und erhält ein bescheidenes Gehalt, möchte aber nicht über die Grenzen von Oslo hinaus expandieren. Epleslang steht und fällt mit der Idee der Lokalinitiative. Sie möchte lieber sehen, wie die Epleslang-Idee von anderen aufgegriffen wird. Zur Zeit führt sie Gespräche mit Interessenten aus Sizilien und dem spanischen Valencia, denn dort gibt es Pläne, Saft aus Zitronen und Orangen herzustellen.
"Unser Geschäftsmodell unterbindet Verschwendung von Lebensmitteln, bringt Menschen zusammen und bringt für die Einwohner von Oslo viele Vorteile. Bestimmt gibt es in jedem Land Früchte, die im Überfluss vorhanden sind", stellt Dubrau fest. Damit eine Idee wie Epleslang funktioniert, braucht es Menschen, die eine Alternative suchen zu billigen Lebensmitteln und zu Importware. Dubrau und ihre Mitarbieter sind überzeugt, dass Europa bereit ist für den Wandel. "Wer die Zukunft verändern will, fängt am besten selbst damit an."


 

RD Abbinder
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